German English

Gedruckt am 17.09.2019 um 00:58 Uhr
Link zu dieser Seite: http://juden-in-ellingen.de/index.php?pageID=96
_DRUCKEN

Die Bedrängnis der Treuchtlinger Juden 1541/1542  Davsternm.jpg

Aus dem Tagebüchern des Rabbi Josselin von Rosheim berichtet Marcus Lehmann in seiner historischen Erzählung "Rabbi Joselmann von Rosheim" (Reprint Zürich 1988) über die Verfolgung der Treuchtlinger Juden durch die Erbmarschälle von Pappenheim aufgrund einer üblichen Voreingenommenheit, was gerade wegen der Tatsache, dass sie eigentlich die ältesten Inhaber eines Judenschutzrechtes im Rech waren, ganz besonders verwundert:(Ab S. 291, gekürzt, ergänzt und in Details korrigiert von Hermann Seis)

Rabbi Joselmann war gerade vom Reichstag in Regensburg nach Rosheim zurückgekehrt, da erreichte Ihn die Nachricht, im Walde unserer Nachbarstadt Weißenburg, im heutigen Mittelfranken, sei ein totes Kind aufgefunden worden. Der Leichnam war bereits ganz verwest, von Würmern zerfressen. Der allzeit rege Judenhass beschuldigte die Juden des daneben gelegenen Ortes Treuchtlingen, das Kind ermordet zu haben. Der Erbmarschall Ulrich von Pappenheim-Treuchtlingen, ein ohnehin den Juden nicht gewogener Herr, hatte sämtliche Juden von Treuchtlingen, Männer, Frauen und Kinder, einhundertzweiundfünfzig an der Zahl, in den Kerker werfen lassen und bedrohte sie mit dem Tod. Rabbi Joselmann machte sich sofort auf den Weg, um seinen gefährdeten Glaubensgenossen zu Hilfe zu eilen.

Er reiste zun
ächst nach Regensburg, um die Angelegenheit dem Kaiser vorzu­tragen. Als er jedoch in Regensburg ankam, war der Reichstag bereits geschlossen. Der Kaiser war nach Italien abgereist, um von dort aus die Seeräuber, die das Mittelmeer beunruhigten, zu bekriegen. Auch sämt­liche Fürsten und Reichsstände hatten Regensburg be­reits verlassen. Es blieb Rabbi Joselmann nichts an­deres übrig, als direkt nach Pappenheim zu gehen und von dem Erbmarschall die Freilassung der unschuldig ein­gekerkerten Juden zu verlangen.

Das Familienoberhaupt Reichsmarschall Wolfgang von Pap­penheim erklärte gegenüber Rabbi Joselmann, dass er voll hinter seinem
Vetter Ulrich von Pappenheim-Treuchtlingen stehe.
Der Rabbi erklärte, die Anklage sei nichts als ein albernes Märchen. Das Kind habe sich wahrscheinlich im Walde verirrt, konnte den Heimweg nicht finden und sei durch Hunger umgekommen; und nur weil nun ein totes Kind, halb verwest und von Würmern zerfressen, im Walde gefunden worden sei, sollten die Juden die Mörder sein! Es sei eine abscheuliche, schändliche Lüge. Dafür wollte man ihn in das Burgverließ werfen lassen.
Rabbi Joselmann begab sich nach dem St
ädtchen Pappenheim, wo er sich den ganzen Hergang des traurigen Ereignisses aufs neue erzählen ließ. Hier erfuhr er, dass das tote Kind in dem Teile des Weißenburger Waldes aufge­funden worden war, der zur Herrschaft des Land­grafen Friedrich III. von Fürstenberg gehörte. Dieser residierte gegenwärtig auf seinem Schlosse Dietfurth, ganz in der Nähe. Rabbi Joselmann entschloß sich, den Landgrafen aufzusuchen, um ihn zu veranlassen, sich der bedrängten Juden vonTreutlingen anzunehmen.
Auch die F
ürstenberger waren ein uraltes Geschlecht, die ihren Ursprung auf die alten Grafen von Urach zu­rückführten. Landgraf Friedrich III. war ein berühmter Reitergeneral. Er hatte schon in der Schlacht bei Pavia gekämpft und sich viele Lorbeeren errungen. Später wurde er Oberhofmeister des Königs Ferdinand, unter dem er im Schmalkaldischen Kriege sich große Ver­dienste um die Herstellung des Friedens in Böhmen erwarb.
Als Rabbi Joselmann vorgelassen wurde und seine Bitte dem Landgrafen vorgetragen hatte, lehnte dieser es ab, sich in die Angelegenheit einzumischen. Treuchtlingen, sagte er, stehe unter der Gerichtsbarkeit der Pappenheimer. Nicht der Ort, wo das Kind gefunden wurde, bedingt das Proze
ssverfahren, sondern der Ort, an dem die Angeklagten heimatberechtigt sind.

Rabbi Joselmann reiste nach Ulm, das damals im Schwäbischen Bunde den Vorsitz hatte.
Als nach dem Tode des letzten Hohenstaufen das Herzogtum Schwaben zerfiel, traten die schwäbischen Städte, Fürsten, Grafen und Ritter in einen Bund, den Schwäbischen Bund, zusammen, der sich auch über einen Teil von Rheinland, Bayern und Franken er­streckte. Auch die Herrschaft Pappenheim sowie die Länder des Landgrafen von Fürstenberg gehörten dem Bunde an. Die Stände teilten sich in fünf Bänke. Die der geistlichen, die der weltlichen Fürsten, die der Prälaten, die der Grafen und Herren und die der Städte; einunddreißig freie Reichsstädte, von denen Ulm und Augsburg die mächtigsten waren, gehörten dem Bunde an. Ulm zählte damals mehr als sechzigtausend Einwohner, und reiche Kaufmannsgeschlechter blühten in seiner Mitte. Die Vormacht der Städte war den kleinen Fürsten ein Dorn im Auge, namentlich seitdem es dem Heere des Schwäbischen Bundes gelungen war, Herzog Ulrich von W
ürttemberg aus seinem Lande zu vertreiben. Es war ein großes Wag­nis, das Rabbi Joselmann unternahm; er machte sich durch die Anrufung der Hilfe des Schwäbischen Bun­des die Fürsten zu seinen Todfeinden, und die Städte hatten schon längst die Juden aus ihren Mauern ver­trieben. Allein er hatte keine Wahl; es galt, einhundertzweiundfünfzig Menschen, unschuldige Menschen, vom Tode zu erretten.

Rabbi Joselmann beschloss unterwegs, statt nach Ulm nach Augsburg zu gehen und durch Vermittlung seiner dortigen Freunde und Be­kannten die Hilfe des Schwäbischen Bundes zu erwirken.
Er hatte in Augsburg einen alten Freund namens Konrad Peutinger, den er auf den Reichstagen kennen gelernt hatte. Peutinger war bis vor wenigen Jahren Ratsschreiber zu Augsburg gewesen; er war zwar seit einigen Jahren in den Ruhestand versetzt, stand aber durch seinen Sohn und Nachfolger, den Dr. juris Pius Claudius Peutinger, mit den Angelegenheiten der Stadt in regster Verbindung. Konrad Peutinger geh
örte der Humanistenschule an, er war ein Verehrer Reuchlins, ein Anhänger des Erasmus von Rotterdam, und hul­digte dem gemäßigten Fortschritt.
Rabbi Joselmann fand, von Peutinger eingef
ührt, bei allen maßgebenden Persönlichkeiten Augsburgs günstige Aufnahme. Er brachte es dahin, dass der Magistrat der Stadt Augsburg Dr. Peutinger den Jüngeren beauftragte, beim Schwäbischen Bunde dahin zu wirken, dass die Marschälle von Pappenheim wegen der An­gelegenheit der Treuchtlinger Juden zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Rabbi Joselmann begleitete dann den jungen Peutinger nach Ulm, und bald nach seiner Ankunft in dieser Stadt hatte er die Freude, zu erwirken, dass ein Eilbote nach Pappenheim gesandt wurde, um den Grafen Wolfgang als den Senior seines Geschlechts aufzufordern, die Angelegenheit der Treucht­linger Juden dem Schwäbischen Bunde vorzulegen und vorläufig die gefangenen Juden ihrer Haft zu entlassen.

Nach wenigen Tagen kehrte der Bote zurück und brachte ein geharnischtes Antwortschreiben der Pappenheimer. Sie wunderten sich höchlich, schrie­ben sie, dass der Schwäbische Bund die Kühnheit habe, sich in ihre Gerichtsbarkeit einzumischen. Sie seien niemandem verantwortlich, nur dem Kaiser allein. Sie würden die Juden nicht aus ihrer Haft entlassen. Der Schwäbische Bund möge tun, was ihm gefiele; die Herren seien nicht gewillt, sich mit dem Schwäbischen Bunde in irgendeine Verhandlung einzulassen. Aufs Neue wurde ein Bote nach Pappen­heim gesandt. Die Grafen von Pappenheim wurden nochmals aufgefordert, die verhafteten Juden freizu­lassen. Sollten sie sich wiederum weigern, so würde der Schwäbische Bund sich genötigt sehen, durch Ge­walt der Waffen Gehorsam von denen zu erzwingen, die ihm angehören.
So standen die Angelegenheiten, als Rabbi Joselmann eines Tages durch einen ihm unbekannten Mann einen Brief erhielt. Der Brief war in hebrä­ischen Schriftzügen geschrieben und lautete folgender­maßen:

„Teurer Freund!
Wenn Euch Euer Leben lieb ist, so kommt heute Abend nach Sonnenuntergang in die Sch
änke zum Waldhorn, die vor der Stadt gelegen ist. Ich kann nicht, ohne die größte Gefahr für Euch und mich, in die Stadt zu Euch kommen. Es erwartet Euch mit der größten Bestimmtheit
Euer Freund Selkelin aus Frankfurt."

Am Abend desselben Tages machte sich Rabbi Joselmann auf den Weg, um die in dem Briefe näher be­zeichnete Waldschänke aufzusuchen. Als er vor das Tor der Stadt kam, hielt dort eine mit zwei Pferden be­spannte Kutsche.
Rabbi Joselmann stieg in den Wagen und fort ging es. Rabbi Joselmann war in eine Falle gegangen.  Rabbi Joselmann wurde vor den Land­grafen Friedrich III. von F
ürstenberg geführt. Als der Rabbi sich weigerte, die Klage vor dem Schwäbischen Bund fallen zu lassen, ließ ihn der Landgraf in das Burgverließ werfen mit der Drohung, ihn am nächsten Tag zu hängen.
Als der Tag anbrach, wurde Rabbi Joselmann aus dem Gef
ängnisse emporgezogen. Im Schlosshofe war während der Nacht ein Galgen aufgerichtet worden. Rabbi Joselmann wurde vor den Landgrafen geführt.
Als Rabbi Joselmann sich erneut weigerte, wurde er an den Galgen geschleppt. Der Henker stand bereit, um die Schlinge um Rabbi Joselmanns Hals zu legen. Als auch diese Drohung nicht wirkte, ließ der Landgraf den Gefangenen vor das
Reichskammergericht zu Rottweil bringen und wegen Landfriedensbruch anklagen, nicht ohne sich vom  Rabbi zuvor schwören, sich niemals und in keiner Weise für das, was ihm hier geschehen sei, rächen zu wollen.
Vierzehn Tage währte es, bis Rabbi Joselmann vom Reichskammergericht jeder Schuld los und ledig ge­sprochen wurde. Er kehrte eiligst nach Ulm zurück. Hier hatten sich unterdessen die Verhältnisse zum Schlimmen geändert. Dr. Peutinger war abgereist. Und die Ulmer Herren, als sie nichts mehr von Rabbi Joselmann sahen und hörten, hatten nicht daran ge­dacht, ihren Drohungen gegen die Pappenheimer Taten folgen zu lassen.

Über den ihm bekannten Hofprediger beim Herzog Otto Heinrich von Neuburg kam die Angelegenheit wieder in Gang.
Im Jahre 1503 war Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut ohne m
ännliche Nachkommen ge­storben, und sein Schwiegersohn, der Pfalzgraf Ru­precht, Sohn des Kurfürsten Philipp von der Pfalz, hatte gegen die bestehenden Erbverträge von der Erb­schaft Besitz ergriffen. Nach langwierigen Kämpfen hatten sich endlich die Bayernherzoge dazu verstanden, das Herzogtum Neuburg an die Pfälzer Linie ab­zutreten, die einen jüngeren Prinzen ihres Hauses damit belehnte. Zu der Zeit, im Jahre 1541, regierte in Pfalz-Neuburg Herzog Otto Heinrich, der sich, wie die meisten Mitglieder der Pfälzer Linie, zur protestantischen Lehre bekannte.

Es gelang, den Schwäbischen Bund zu veranlassen, den Herzog von Pfalz-Neuburg mit der Exekution gegen die Pappenheimer Grafen zu be­trauen.  Nach Wochen konnte Rabbi Joselmann, das Dekret des Schwäbischen Bundes, das den Herzog Otto Heinrich von Pfalz-Neuburg zum Vollstrecker der Exekution ge­gen die Pappenheimer Grafen ernannte, überbringen.
Herzog Otto Heinrich empfing den j
üdischen Befehlshaber sehr gnädig und übernahm den Auftrag des Schwäbischen Bundes mit großer Bereitwilligkeit. Sofort schickte er Eilboten an die Erbmarschälle von Pappen­heim und ließ ihnen mitteilen, dass er mit der Exe­kution gegen sie vom Schwäbischen Bunde beauftragt sei und dass er ihnen die Fehde ankündige, falls sie es nicht vorziehen sollten, die gefangenen Ju­den in Freiheit zu setzen. Zugleich ließ er einige hundert Mann Gerüsteter und Gewaffneter an die Grenze des Pappenheimer Gebietes rücken.
Als die Pappenheimer sahen, da
ss der Herzog von Pfalz-Neuburg Ernst mache, zogen sie es vor, die Treuchtlinger Juden in Freiheit zu setzen.

Der Hofprediger des Herzogs von Neuburg hatte ein
„Judenbüchlein" herausgegeben, in dem er sich für die Juden aussprach. Das Büchlein machte ungeheures Aufsehen, und der be­rüchtigte Dr. Johann Eck (+1543) erhielt von dem Bischof von Eichstätt, vermutlich noch Christoph zu Pappenheim-Rothenstein (+1539), den Auftrag, eine Gegenschrift zu verfassen. Dieser aus der Reformationsgeschichte genugsam be­kannte Gegner Luthers, der wegen seines üblen Cha­rakters bei Katholiken und Protestanten gleich ver­hasst war, übertraf seinen Gegner Luther noch in Schmähungen und Lästerungen der Juden. Wäh­rend die Lästerschrift des Dr. Eck noch vorhanden ist, findet sich die Verteidigungsschrift des Hofpre­digers von Neuburg nirgends mehr vor. Nur aus der Schmähschrift Ecks können wir uns den Inhalt der ersteren ungefähr zusammenstellen. Auch der Name des Helfers der Treuchtlinger Juden ist uns nicht erhalten.