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Die Zeit der Schutzjuden  Davsternm.jpg

Der generelle Freiheitsbrief Kaiser Karls V. galt unmittelbar nur für seine Kammerjuden und band nur mittelbar die Reichsfürsten. Nach dem Tod Joselmanns von Rosberg etwa 1554 wurde kein neuer Befehlshaber der Juden mehr bestellt. Die kaiserliche, katholische Macht kam in den evangelischen Fürstentümern fast nicht mehr zum tragen. Luthers Juden-Schmähschrift von 1543 rechtfertige in den Ländern seiner Konfession fast jede Schandtat gegen die jüdische Bevölkerung. Der Judenschutz geriet bei den beliehenen Reichsfürsten meist in denkbar schlechte Hände. Das Konzil von Trident polarisierte zusätzlich. Erst die Entvölkerung der katholischen Länder durch Unwetter, Hungersnöte und Hexenbrände machte die gebildeten jüdischen Händler mit ihren weitverzweigten Geschäftsbeziehungen und Finanzierungsmöglichkeiten wieder zu einem notwendigen Bestandteil der Wirtschaftskreisläufe. Selbst Protestanten wie die Markgrafen von Ansbach, die noch um das Jahr 1600 Juden vertreiben wollten, sicherten deren Existenz ab 1609 wieder durch weitreichende, zuverlässige Schutzbriefe.

Der Judenschutz des Königs oder der Reichsfürsten war für den Einzelnen oder die solidarisch haftende jüdische Gemeinschaft zeitlich begrenzt und mußte nach einigen wenigen Jahren jeweils neu erworben werden.
Man erhielt dafür einen Schutzbrief, der sowohl als Quittung wie auch als eine Art Pass diente und die konkreten Rechte des Inhabers beschrieb. Er galt in der Regel nur für ihn und seine Angehörigen, solange sie rechtmäßig seinem Haushalt angehörten. Heirateten die Kinder, mußten sie den Haushalt verlassen und brauchten einen eigenen Schutzbrief. Stellte der Landesherr keinen solchen aus, durften sie sich nicht niederlassen und einen Hausstand gründen. Es begann ein Wanderleben auf der Straße. Auch nicht verheiratete, nachgeborene, erwachsene Söhne hatten das Elternhaus in der Regel zu verlassen. Als Jude konnte man sich nie ganz sicher sein, sich an einem Ort dauerhaft und nachhaltig niederlassen zu dürfen. Es war ein Leben auf Abruf.
Der Judenschutz wurde von den deutschen Königen immer öfter zur Mittelbeschaffung an Reichsfürsten verpfändet. Von diesen wanderte er schließlich in Einzelfällen auch in die Hände örtlichen Reichsadels.
Ellingen hatte sich seit Beginn des 14. Jahrhunderts zum Sitz des Landkomturs der Ballei Franken des Deutschen Ordens entwickelt. Das Judenprivileg des Ordens führte zur Ansiedelung von Juden in Mergentheim, Ellingen und anderen Orten unter der Landesherrschaft des Deutschen Ordens.
Wann sich die ersten Juden in Ellingen niederließen, ist heute nicht mehr genau zu ermitteln; vermutlich nach dem Jahr 1500, weil die vollständige Liste der Steuerzahler zur Reichssteuer des “Gemeinen Pfennigs” von 1495, einer Kopfsteuer als Türkensteuer, keinen als jüdisch erkennbaren Namen enthält. Möglich wäre die Aufnahme einiger Juden aus Weißenburg, die dort 1520 vertrieben worden sind. Die erste schriftliche, aber indirekte Bestätigung, dass Juden in Ellingen lebten, stammt aus dem Jahr 1540 als "der Administrator des Hochmeistertums", Walter von Cronberg, ein scharfes Mandat gegen den Wucher der Juden zu Gunsten seiner Ordens-Unterthanen erließ und es auch in Ellingen verbreiten ließ. Menschen jüdischen Glaubens lebten somit fast 400 Jahre ununterbrochen in Ellingen, viele ihrer Häuser existieren bis heute.
Die Ellinger Polizeiordnung von 1685 war recht moderat. Besondere Einschränkungen des jüdischen Lebens im Vergleich zu dem der christlichen Bewohner sind aus unseren Unterlagen für diese Zeit nicht ersichtlich. Im Jahr 1682 erwarb die Familie Amson problemlos eines der repräsentativsten Bürgerhäuser, das sich im Laufe der nächsten fast 100 Jahre zum heutigen Prachtbau mit eigener Privatsynagoe entwickelte. Diese Familie und die Familie Landauer gehörten zur sehr reichen jüdischen Oberschicht der Region. Sie finden sich auch in den Leipziger Meßbüchern jener Zeit.
Erst unter der Herrschaft der Preußen von 1797 bis 1806 (Herabstufung der Ellinger Judenschaft zu “Mediatjuden”), sodann im Königreich Bayern (Judenmatrikel) kam es erneut zu stärkeren Restriktionen. Das soll aber nicht heißen, dass die persönliche Meinung der Ordensherren über ihre Schutzjuden besonders positiv gewesen ist. Bekannt ist, dass sich die Hochmeister jüdischer Finanziers bedient haben, die teilweise auch in ihrem Gefolge mitreisten.
Die Auflösung der Ballei Franken als politische Korporation im Jahr 1887/88 brachte neben der Einrichtung eines Oberamtes des Ordens in Ellingen auch die Errichtung eines einheitlichen Bezirksrabbinats in den Grenzen dieses Oberamtes mit sich, so dass der Ellinger Verwaltung auch die jüdische Gemeinde in Lauchheim oblag, obwohl dieses wegen der großen Entfernung der beiden Orte voneinander keinen großen praktischen Sinn machte.