German English

Gedruckt am 17.12.2018 um 12:39 Uhr
Link zu dieser Seite: http://juden-in-ellingen.de/index.php?pageID=8
_DRUCKEN

Die Zeit der Rechtlosigkeit  Davsternm.jpg

 wird in den früheren Veröffentlichungen der Geschichte der fränkischen Juden etwa die Zeit zwischen dem 13. Jahrhundert und etwa dem Anfang des Dreißigjährigen Krieges bezeichnet.

S. Hänle läßt für das Markgrafentun Ansbach diese Zeit bis ins Jahr 1609 gehen, als der damalige Markgraf Joachim Ernst für die Juden dort eine tragfähige Rechtsgrundlage schuf. In anderen Herrschaften änderten sich die Verhältnisse ebenfalls um diese Zeit, ohne dass dazu konkrete Jahreszahlen genannt werden können. Entlang des Rheins wie etwa in Straßburg dürften jüdische Gemeinden durchgehend seit der Römerzeit bestanden haben. Im 13. Jahrhundert existierten in unserer Umgebung jüdische Gemeinden sicher in Würzburg (erster Nachweis 1119), Nürnberg (1246) und Rothenburg.  

 

Die frühen Gemeinden lebten nach allem, was wir wissen, bis zum Kreuzzugsjahr 1096 voll integriert in den rheinischen Städten.  In diesem Jahr wurden die Juden nach der kirchenrechtlichen Etablierung des „Heiligen Krieges“ durch Pabst Urban II und theologisch begründet durch Bernhard von Clairvaux  als Feinde des Christentums vom Pöbel in dem Judenschlachten von Speier, Worms, Mainz und Frankfurt in großem Ausmaß Opfer von Pogromen in Deutschland.

 Zu ihrem Schutz erhielten die Juden in der Folge im Reich durch Kaiser Friedrich II im Jahr 1236 einen ersten reichsrechtlichen Status,  indem er sie zu seinen Kammerknechten erklärt hatte, rechtlich gesehen damit zum königlichen Privat-Eigentum, das kein Dritter mehr ungestraft beschädigen durfte. Die Juden waren damit nicht mehr vogelfrei und durften nicht mehr einfach getötet werden, wo man sie traf. Diese frühe Geschichte wollen Sie bitte anderen Quellen entnehmen.

Der Judenschutz des Königs war für den Einzelnen und die Gemeinschaft zeitlich begrenzt und musste nach einigen wenigen Jahren jeweils teuer neu erworben werden. Diese meist kollektiv geschuldete Judensteuer betrug im Jahr 1322 z.B. in Würzburg 1.000 Pfund Heller (etwa der Gegenwert von 10 Bauernhöfen).

Dieser Judenschutz verhinderte aber keineswegs selbst größte Pogrome (Rintfleisch 1298, Armleder 1336/37). Diese Pogrome entstanden auch nicht spontan. Der Nürnberger Judenmord vom 6.Dezember 1349 war Monate vorher ins Kalkül gezogen worden, wie eine Urkunde bereits vom 25.Juni 1349 belegt, mit denen das künftige Eigentum an Judenhäusern geregelt wurde auf den Fall, dass die Juden in Nürnberg "entleibt würden oder von dannen führen..” (Zitat nach S. Hänle).

1334 erhielten die Herren von Pappenheim als Reichserbmarschälle vom König die Amtsgerechtigkeit über die Juden im ganzen Reich, da sie als Oberbefehlshaber über den königlichen Heertross auf jüdische Zulieferer und Kreditgeber angewiesen waren. Pappenheim liegt 13km südlich von Ellingen an der Altmühl. In Pappenheim wurden in dieser Zeit Juden ansässig. Auf dem Pappenheimer Friedhof sind auch Juden aus Ellingen beerdigt.

 Im Jahr 1356 erhielten mit der Goldenen Bulle alle Kurfürsten das Recht, Juden gegen Bezahlung aufzunehmen. Es steht dort bezeichnenderweise direkt neben dem Recht, eigene Gold- und Silberbergwerke einzurichten. Der Burggraf von Nürnberg -er war bis dahin noch nicht Markgraf von Brandenburg und damit Kurfürst- erhielt vom Kaiser 1372 das Recht, Judenschutz zu gewähren. Aus seinen Schuldurkunden wissen wir, dass auch in Neumarkt und Pappenheim Juden lebten.

Im Jahr 1370 werden in Flandern Juden, die beschuldigt wurden, Gasthäuser "befleckt" zu haben verbrannt. Alle übrigen Juden wurden danach verbannt. Dies wurde als Fest bis zum Jahre 1820 gefeiert. Die Oranje-Märsche aus Nord-Irland lassen bis heute grüßen. Dort trifft es allerdings keltische Katholiken.


Der größte hoheitliche Geldraub des 14. Jahrhunderts an Jüdischem Vermögen mutet fast modern an. Der Schwäbische Bund erhielt gegen eine Zahlung von 40.000 fl von König Wenzel im Jahr 1385 das Recht, die Juden in ihrem Gebiet zur Zwangsabtretung ihrer offenen Forderungen gegen eine geringe Entschädigung an die Städte zu zwingen, die diese Forderungen dann beitrieben. Allein die Stadt Nürnberg bereicherte sich so um rund 60.000 fl. Unsere Nachbarstadt Weißenburg war um 1450 durch Kaiser Karl IV. von ihren Judenschulden befreit worden- wohl ähnlich wie 1385 durch Wenzel über eine Zwangszession.

Eine völlig neue Situation trat ein, als mit Hilfe der Inquisition zwischen 1478 und 1492 alle 300.000 Juden völlig mittellos aus Spanien vertrieben wurden, dazu 1493 weitere 20.000 aus Portugal. Im Jahr 1488 schlossen vor diesem Hintergrund der Markgraf von Ansbach (und Burggraf zu Nürnberg) mit den Bischöfen von Bamberg und Würzburg einen Vertrag, dass sie „zur Unterbindung des Wuchers“ alle Juden aus ihrem Gebiet vertreiben würden - womit sie gleichzeitig ihre Gläubiger losgeworden wären.
Es gibt hier im mentalen Antrieb keinen allzu großen Unterschied zur Asylpolitik der Festung Europa der Gegenwart. Dieser Vertrag wurde teilweise ausgeführt, teilweise dazu benutzt, zur Verlängerung des Aufenthaltsrechts enorme Geldsummen aus den Betroffenen  zu pressen. Nürnberg entledigte sich so im Jahr 1499 erneut seiner wieder entstandenen Judengemeinde und ließ, bis es 1806 bayerisch wurde, keine Juden mehr ansässig werden.

Wer auf der Flucht für seine Bedürfnisse nicht zahlen konnte, wurde leibeigen (und verlor damit seine Religionsfreiheit) oder gar zum Sklaven erklärt und verkauft. Breslau war noch in der Barockzeit der größte Sklavenmarkt Nordeuropas.

Im Jahr 1520 hat unsere Nachbarstadt Weißenburg ihre Juden für die nächsten 300 Jahre vertrieben als gerade der Krieg des Schwäbischen Bundes gegen den Herzog von Württemberg, der für die Stadt Weißenburg teuer war, zu Ende ging. Wahrscheinlich begann mit dieser Vertreibung zur Schuldenentlastung die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Ellingen.

Diese “Ausschaffungen” und dann doch wieder Duldungen gegen Geld dauerten im fränkischen Raum mindestens bis 1584 an. Auch der Hochmeister des Deutschen Ordens, Walter von Cromberg plante 1535 die Austreibung der Juden aus dem Raum um Mergentheim. Erst ab 1591 werden in unserem Raum wieder in größerem Umfang Schutzbriefe für Neuansiedelungen erteilt.

Diese Jahreszahl fällt grausamer weise wohl nicht zufällig mit dem Abklingen einer der größten Wellen an Hexenverbrennungen in unserem Raum zwischen dem Ende des Tridentinischen Konzils und diesem Jahr zusammen, die im fränkischen Raum mindestens 2000 Opfer gefordert und in der Region ganze Ortschaften entvölkert hat. Allein die Kommende Ellingen hatte allein 1590 rund 100 Tote zu beklagen.

Neues Leben musste in die ausgebrannte Stadt.

Aus dieser Zeit der Rechtlosigkeit strahlt eine einmalige Gestalt, die unter Kaiser Karl V.  das öffentliche Leben der Juden im gesamten Deutschland geprägt hat wie wohl nach ihm kein anderer mehr.

 Rabbi Josselmann von Rosheim,  der
kaiserlichen Befehlshaber und Regierer der gesamten Judenheit  im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation

In seinen Tagebüchern erzählt er unter anderem, wie er den 138 Treuchtlinger Juden 1542 das Leben rettete, die die Reichserbmarschälle von Pappenheim eines klassischen Vorurteils halber hinrichten lassen wollten.

 Rabbi Josselin von Rosheim hat die Rechtsgeschichte der Juden im Reich nachhaltig geprägt, indem er weitgehende Schutz- und Freiheitsbriefe des Kaisers erwirkte und über einen eigenen jüdischen Reichstag eine Gesetzeswerk zur rechtlichen Selbstverpflichtung der Juden im Reich schuf, das der Reichstag in Augsburg approbierte und die von den protestantischen Fürsten betriebene Austreibung der deutschen Juden aus dem Reich weitgehend verhinderte.

Die danach um 1540 herum entstehenden “ scharfen Mandate“ (= Gesetze mit Strafbewehrung im Falle eines Verstoßes) sind eine Umsetzung dieser jüdischen Selbstverpflichtung in gültiges Recht im jeweiligen reichsunmittelbaren Territorium.

Weil jeder Reichsfürst eine eigene Bestimmung für seine Untertanen traf, enthalten  diese Mandate immer nur das Verbot des Wuchers gegenüber den eigenen Leuten, nicht aber der Untertanen anderer Fürsten. Es sind -richtig verstanden- mustergültige Beispiele für internationale rechtliche Konkurrenzklauseln.

 Die Zeit der Rechtlosigkeit endet regional unterschiedlich zwischen dem Jahr 1600 und etwa dem Beginn des 30jährigen Krieges. In der Zeit nach diesem Krieg, der ohne Ansehen der Person drei Viertel der Bevölkerung ausrottete, verbessert sich der rechtliche Status erheblich, nicht ohne dass es immer wieder zu erheblichen Rückschlägen gekommen wäre, wie z.B. durch die vorübergehende Vertreibung der böhmischen Juden durch Kaiserin Maria Theresia. Die Zeit der Pogrome in Deutschland war damit bis 1942 vorbei. Und auch dieser letzte große Pogrom geschah nicht ohne eine neunjährige Vorankündigung, so dass keiner berechtigt sagen kann, er habe nichts gewusst. Er hat es  wissen können, wenn er gewollt hätte.