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    Der Berchers – ein Schabbatbrot
(Unter Verwendung eines Beitrags von Michael Schick, Laupheim)

      

Berches, Barchos oder auch Barchat, in Mittelfranken auch „Berchers“ (mit einem zusätzlichen „r“) nennen die Juden ihr Brot für den Schabbat. Die Bezeichnung Berchers stammt vom hebräischen Berachot ab, was "Segen" bzw. wörtlich "Segenssprüche" bedeutet. Im hebräischen wird auch die Bezeichnung "Challot" verwendet. In der Umgangssprache ist die Variante "Challe" gebräuchlicher.
Brot kommt im Judentum eine zentrale Bedeutung zu. Wer kein Brot besitzt, steht unter dem Fluch Gottes. Nach dem "Halacha", dem Religionsgesetz ist ein Jude dazu verpflichtet, zwei Brote vor allen anderen Dingen zu kaufen.
In streng religiösen Familien wird bereits am Vortag des Schabbats, also am Donnerstag, mit den Festvorbereitungen begonnen. Dazu gehört, dass koscher geschlachtetes Fleisch gekauft wird, oder dass die Zutaten für den Berchers rechtzeitig bereitgelegt werden. Der Berchers muss am Freitag vor Einbruch der Dunkelheit gebacken sein, da es verboten ist, am Schabbat zu arbeiten. Das Ritual-Gesetz verbietet auch, an diesem heiligen Tag ein Feuer zu entzünden.
Unter anderem die Ellinger Art des Berchers bestand aus 12 einzelnen Teigsträngen, welche die 12 Stämme Israels symbolisieren sollen. Zwei mal vier und einmal drei Stränge wurden in Ellingen zu einem Zopf verflochten. Diese drei Zöpfe wurden dann aufeinandergesetzt und angedrückt. Der zwölfte Strang wurde der Länge nach über den Berchers gelegt.

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Es gibt aber keine Vorschrift dafür, wie der Berchers auszusehen hat. Da der Berchers früher von den jüdischen Hausfrauen meist selbst hergestellt wurde, war es selbstverständlich, dass die Gebäcke verschiedene Formen hatten.

Am Feiertag "Rosch HaSchana", dem jüdischen Neujahrsfest, wird ein besonderer Berchers gebacken. Dieser ist dann nicht in Zopfform sonder als spiralförmiger Laib gebacken. Er soll das Greifen nach dem Himmel in der Hoffnung auf ein glückliches neues Jahr symbolisieren. Nach jüdischer Regel wird nach dem Kneten des Teigs ein kleines Teigstück abgesondert, welches im Ofen verbrannt bzw. geopfert wird. Dieses Teigstück, das man auch "Erstlingsgabe" nennt, wird im hebräischen "Challa" genannt. In folgender Bibelstelle taucht der Begriff auf:"Rede zu den Israeliten und sag zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, in das ich euch bringe, und wenn ihr vom Brot des Landes esst, dann sollt ihr eine Abgabe für den Herrn entrichten. "Numeri 15,17-21". Das "Challa-Stück" muss die Größe eines "Omer" (=Tagesration Getreide) haben, bzw. sollte mindestens der Größe einer Olive oder einem halben Ei entsprechen.

Nach dem "Kaschrut-Standards", das sind die Regeln für die Lebensmittelproduktion von Christen für Juden, muss bei der Herstellung in einer christlichen Bäckerei ein Jude anwesend sein. So soll garantiert werden, dass der Berchers nach den jüdischen Brauch hergestellt wird. Noch wünschenswerter ist es aber, wenn der Berchers von einem jüdischen Bäcker oder einer jüdischen Frau hergestellt wird. Es soll aber ausreichen, wenn zumindest diese Person symbolisch ein Stück Holz in das Feuer legt bzw. den Ofen einschaltet. Wenn ein Berchers in einer nicht jüdischen Bäckerei hergestellt wird, nennt man ihn "Pat Nachtom", dies bedeutet "Brot eines nichtjüdischen Bäckers".

Zum Schabbatessen am Freitagabend werden zwei Berchers auf einer Platte oder einem Teller serviert und mit einem Tuch bedeckt. Vor dem Essen wird der "Kiddusch" (die Segnung des Schabbat) gesprochen. Dann wird der Wein gesegnet, dabei sind die Brote zunächst zugedeckt. Es folgt nun die rituelle Händewaschung unter fließenden Wasser und die Segnung. Dann wird der Berches aufgedeckt und gesegnet. Der Hausherr schneidet das Brot an und isst davon, anschließend verteilt er das Brot unter den Anwesenden. Nun kann die Malzeit beginnen.´
Am Schabbat sollen drei Mahlzeiten eingenommen werden. Die erste am Freitagabend, die zweite am Schabbat nach dem Besuch der Synagoge und am Abend des Schabbats. Während jeder Mahlzeit sollten zwei Brote auf dem Tisch liegen. Nach der biblische Überlieferung hat Gott in der Wüste zwei Rationen Manna vom Himmel regnen lassen. Die Kinder Israels durften aber nur so viel Manna sammeln, wie sie als Tagesration brauchen. Deshalb soll der Berchers der Größe eines Tagesbedarfs entsprechen.

Die Zutaten des Berches sind auf helles Weizenmehl, Hefe, Backmalz, Salz und Wasser beschränkt. Das helle Weizenmehl war früher relativ teuer, zur Ehre des Schabbats wurde aber nur das Beste verwendet. Es sind auch Rezepte bekannt in denen Öl, Eier und auch Milchprodukte verwendet werden. Wenn Milchprodukte im Berches verarbeitet werden, dann ist dieser nicht mehr "parve" bzw. neutral. Das heißt, er darf nicht mehr mit fleischigen Speisen verzehrt werden. Nach dem Ritualgesetz darf auch eine andere der fünf Getreidearten verwendet werden. In Kriegszeiten, als Grundnahrungsmittel rationiert waren, ist bekannt, dass gekochte Kartoffeln zur Streckung des Getreideanteils im Teig verwendet wurden.

Die christliche Bäckerei Specht in Ellingen buk früher für die jüdischen Nachbarn deren Berchers. So blieben Rezeptur und Aussehen erhalten.

In der ehemaligen Jüdischen Gemeinde Laupheim, die für ein paar wenige Jahre zum Deutsch-Ordens-Bezirksrabbinat Ellingen gehörte (ca. 1790 -1803) hat sich die Tradition dieses typischen jüdischen Brotes bis heute erhalten. Dort wurden zwei Sechsfach-Zöpfe aufeinandergesetzt. Michael Schick berichtet, dass die Berches, die heute in Laupheim zu kaufen sind, aus zwei aufeinandergesetzten Zöpfen bestehen würden. Teilweise würde für die Herstellung dort ein fünf Strangzopf unten und ein drei Strangzopf oben verwendet. Auch können zwei fünf Strangzöpfe verwendet werden. Vor dem Backen wird der Berchers mit Wasser bestrichen und mit Mohn bestreut. Es gibt Traditionen, in denen ein Berchers mit Mohn und der andere mit Sesam bestreut wird.

Quellen des Michael Schick:
  - Dicker, Hermann, (Gerlingen 1981) "Aus Württembergs jüdischer Vergangenheit".
  - Soussan, Benjamin David ( Hrsg.) "Brot Kultur" Ulm.
  - Jüdische Küche, von Elisabeth Wolf Cohen
  - Hinweise von : Bernhard Burkert, Ernst Schäll, Oliver Saalfeld
Ein Beitrag nach: Michael Schick Hafnergässle 16/3    88471 Laupheim