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Ein Wiedergutmachungsverfahren 1945-1950  Davsternm.jpg
       

Die grundlegenden Tatsachen über die Schwierigkeiten, die den ausreisewilligen Juden ab dem Jahr 1936 in den Weg gelegt worden sind, sind im Allgemeinen bekannt. Weniger bekannt sind die Einzelheiten in der Durchführung und die Frage, wer zu den Profiteuren der Notverkäufe gehörte.
Auch der Verfolgungsdruck, der von den Nationalsozialisten bereits ab dem 30. Januar 1933 aufgebaut wurde, wird in der Öffentlichkeit weit unterschätzt.
Noch weniger bekannt ist im Laufe der Zeit die Art der Rückabwicklung von Grundstückserwerben nach dem Krieg geworden und die Frage, wie sich die deutschen Beteiligten bei der Frage der Bestimmung des damaligen Verkaufspreis und dem Verbleib von Zahlungen der damaligen Käufer positionierten. Parallelen zu den Rückabwicklungen nach der Wiedervereinigung auf dem Gebiet der neuen deutschen Länder drängen sich dabei nur vereinzelt auf.
Um die Rollen und Belastungen aller Beteiligen zu verdeutlichen, werden im Beitrag und im Anhang eine Reihe von Urkunden und Belege vollständig zitiert, allerdings die Namen der Käufer weitgehend anonymisiert.
Der Original-Bestand der Urkunden ist im Besitz der heutigen Hauseigentümer, Kopien liegen im Stadtarchiv Ellingen, ebenso liegen dort auch noch einige Einzelstücke im Original.

Der hier dokumentierte Verkauf fand unmittelbar nach dem 9. November, am 18.11.1938 statt. Zu diesem Zeitpunkt waren viele unserer Juden bereits aus Ellingen abgewandert.
Am 7. November gab das Attentat eines jungen Juden auf den Legationssekretär von Rath an der Pariser Botschaft den Vorwand, lang geplante Aktionen gegen die deutschen Juden und ihr Vermögen in Gang zu setzen. Bereits am 12. November, drei Tage nach dem von der NSDAP reichsweit organisierten Pogrom, wurde den Juden eine „Judenbuße“ von einer Milliarde Reichsmark auferlegt, allerdings dazu den Juden verboten, Reichsanleihen zu verkaufen, um deren Kursverfall zu verhindern. Mit Durchführungsverordnung vom 21. November, beschlossen am 3. Dezember, in Kraft getreten am 5. Dezember 1938, gestaltete der Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk die „Judenbuße“ zu einer Vermögensabgabe von 20% aus. Betroffen waren alle Juden, die eine Vermögenserklärung hatten abgeben müssen, also mehr als 5.000 Reichsmark besaßen. Sie mussten die fällige Geldsumme in vier Teil­beträgen an das zuständige Finanzamt entrichten, und zwar »ohne be­sondere Aufforderung« am 15. Dezember 1938, am 15. Februar, 15. Mai und 15. August 1939. Auf diese Weise trieb der Fiskus gut 1,1 Milliarden Reichsmark ein.
Der hier vorliegende Kaufpreis lag über der Vermögensgrenze. In unserem Fall blieg dem Käufer durch die sehr schnelle Abwicklung des Kaufes samt Anmeldung zum Grundbuch noch im November unter Umständen, die leider nichtvollständig rekonstruierbar sind, ein weiterer staatlicher Raubzug von 1.000 RM erspart.

Neben die offizielle „Judenbuße“ trat eine Zwangsspende des Käufers direkt an die NSDAP, deren Höhe anscheinend vom persönlichen Vermögen und/oder einer Parteizugehörigkeit abhängig war:

Auszug aus einer Vormerkung aus den Akten: des Stadtrats Ellingen
Betr.: Vollzug der VO. über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3.12,38

Getätigte Verkäufe.

Besitzer:      Käufer:        Kaufpreis         Spende:
1. Synagoge     T              3ooo RM         l.ooo RM
2. L                   S              6000 RM           5oo RM
3. W                W              6000 EM           5oo RM


Der Immobilienbesitz unseres Verkäufers, einem Pferdehändler, dem bereits die Gewerbeerlaubnis entzogen worden war, setzte sich aus einem zweistöckigen Wohnhaus und einigen Feldern zusammen. Das Wohnhaus war ursprünglich auf einen Einheitswert von 6000,- RM (Reichsmark) geschätzt worden. Der Einheitswert entsprach damals – auch in der Bundesrepublik Deutschland noch bis ca. zum Jahr 1960 – dem üblicherweise bezahlten Kaufpreis. Bereits wenige Monate nach dem 9. November 1938 wurde der Einheitswert auf 7000,- RM angehoben.

Der Käufer musste neben einem Kaufpreis von 6.000,- RM noch eine zusätzliche Zahlung leisten von 500,- RM, die nach seinem späteren Bekunden „an das Rathaus“ gegangen seien. Die Gesamtbelastung des Käufers lag also in diesem Fall bei gut 90% sogar noch des korrigierten Marktpreises, was seine spätere subjektive Verbitterung über die Wiedergutmachungssumme einschließlich der Verfahrenskosten erklärt.

Die Höhe dieser Entschädigung rechtfertigt sich aber objektiv aus der Opfersicht dadurch, dass ohne den Verfolgungsdruck das Anwesen eben gar nicht verkauft worden wäre.

Der hiesige Käufer hatte sich ganz offiziell bei der Stadt Ellingen auf die Ausschreibung jüdischer Immobilien als Interessent gemeldet.

Andere Käufer, unter anderem der kath. Ortskaplan Salomon, wurden von den jüdischen Eigentümern geradezu gebettelt, ihnen die Häuser abzukaufen, um eine Auswanderung finanzieren zu können.
Auch diese wurden unterschiedslos dem Entschädigungsanspruch unterworfen. Sie betrachteten sich daher mit einer gewissen Berechtigung als Opfer ihrer subjektiv gesehenen „guten Tat“, weil ohne ihren Kauf das Leben des Verkäufers wahrscheinlich schrecklich geendet hätte.
Objektiv lag aber in der Regel tatsächlich ein Vermögenszuwachs –bezogen auf den Zeitpunkt des Erwerbs!- bei den Käufern vor.

Weil in allen Fällen der Zeitpunkt des Erwerbs der Stichtag für die Entschädigungsberechnung war, fand der anschließend oft folgende, nicht versicherbare Vermögensverlust durch Bombenschäden dort keine Berücksichtigung.

Der Kaufpreis wurde nicht in bar an den Verkäufer ausgehändigt, sondern ging auf ein „Judensperrkonto“, das der damalige Bürgermeister Franz Grüll bei der Städtischen Sparkasse Ellingen einrichten musste. Erst nach Abzug aller Steuern und Lasten wurden die Guthaben Monate später an die Verkäufer ausbezahlt, die bis dorthin auf Kohlen saßen, ob ihnen eine Ausreise noch gelingen würde. Immer mehr Länder verhängten Einwanderungssperren und immer mehr Visas liefen ab.
Der Verkäufer zog nach dem Verkauf nach Demmelsdorf bei Bamberg, wo er noch einige Zeit freiwillig oder unfreiwillig wohnte, bis er in die USA ausreisen konnte.

Die Käufer mussten ab der Beschlagnahme für die Eigennutzung der Immobilie eine Miete an einen staatlichen Treuhänder bezahlen.
Die Käufer, die sich bei der Stadt gemeldet hatten, waren ganz offiziell von der NSDAP-Kreisleitung auf ihre „Zuverlässigkeit“ überprüft worden. Der Bürgermeister der Stadt Ellingen, der selbst zur Kath. Zentrumspartei neigte, bestätigte diese den Käufern auch, um ihnen einen Gefallen zu tun. Das führte prompt nach 1945 zur Einstufung als nationalsozialistischer Profiteur.

Als im Sommer 1946 von deutschen Behörden Wohnraum für Flüchtlinge requiriert worden ist, wurde neben der amerikanischen Beschlagnahme im Sommer 1946 vom Landrat noch eine Etage des Anwesens „für die Aufnahme von antifaschistischen Flüchtlingen“ beschlagnahmt und die Käufer trotz der noch nicht abgeschlossenen Rückgabeverfahren gezwungen, auf ihr Kosten die Bombenschäden an den beschlagnahmten Räumen entschädigungslos zu beseitigen.

Insgesamt trugen die Käufer damit bei einem Objektwert von RM/DM 7.000,- eine Last von:

Kaufpreis 1938:                   6.000,--       RM
Parteispende NSDA   P             500,--      RM
Eventuell noch                     1.000,--      RM   Wertabschöpfung durch Vermögensabgabe
                   
                                                             an das Reich (Ergebnis des Widerspruchs unbekannt)
Wiedergutmachungssumme     2.500,--     DM
RA Dr. Decker                         350,--     DM
Arndt und Wendt                     425,33    DM
Mieten an den Treuhänder         943,35    RM
sowie                                    945,-      DM

sowie                                    945,-      DM

Unter nur bedingt zulässiger Gleichstellung von RM und DM also: 12.663,66.
Der Betrag übersteigt den ursprünglichen Einheitswert um mehr als das Doppelte.

Dazu kommen die Reparaturarbeiten nach den Bombenschäden vom 23. Februar 1945, für die es keinerlei Versicherungsleitungen oder Entschädigungen gab.

Der Stundenlohn eines Hilfsarbeiters lag in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1950 bei o,35 DM, der eines Facharbeiters bei o,50 DM. Industriemeister verdienten bis zu 1,-- DM pro Stunde oder einen Wochenlohn von 60,-- DM. Die heute so gering erscheinenden Entschädigungs-Beträge belasteten die Betroffenen damals erheblich.

Wie die Vergleichssummen errechnet worden sind, lässt sich aus den Einzelfällen kaum mehr rekonstruieren. Ein hier annäherungsweise zutreffender Berechnungsansatz könnte wie folgt aussehen:

Einheitswert                      7.000,-- RM
abzgl. reiner Kaufpreis         6.000,-- RM
= Teilbetrag 1                                                        1.000,-- RM=DM
zuzüglich einbehaltene Judenvermögensabgabe
aus dem tatsächlichen Wert – nicht aus dem
Verkaufspreis der Immobilie 20%                                1.400,-- RM=DM

zuzüglich einer Verzinsung für 12 Jahre                          100,--      DM
                                                                         -------------------
                                                                           2.500,--      DM
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Die Akten