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Ein eigenes Ellinger Schutzrecht 1692  Davsternm.jpg

Die Einführung von balleieigenen Schutzbriefen in Ellingen 1692 zielte nicht nur auf eine Steigerung der eigenen Einnahmen der Ballei Franken des Deutschen Ordens ab, sondern war ein weiterer Schritt in die staatsrechtliche Unabhängigkeit der Ballei neben dem Staat des Deutschmeisters. Der Hochmeister sollte nur noch als religiöses und disziplinarisches Ordensoberhaupt über dem Landkomtur und seinem Stab fungieren.

Über die Aufnahme von geldbringenden "Schutzjuden" auch in der Ballei Franken hatte der Landkomtur erstmals 1668 mit dem Deutschmeister verhandelt. Doch war man zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen und hatte die Ausstellung von Schutzbriefen vertagt.
Beim Kapitelgespräch von 1692, als die Ballei wegen  der enormen Kosten der Kriege gegen gegen Ludwig XIV. in Geldnöte geriet, kam man auf diesen Punkt zurück, da man festgestellt hatte, dass die Judenschaft in der Ballei Franken, vornehmlich in Ellingen, Heilbronn, Kapfenburg, Virnsberg und Münnerstadt erheblich zugenommen hatte. Deshalb sei, so heißt es im Kapitelrezeß, der "Capitularische Wunsch ergangen daß man Von dergleichen allein dem betrug und wucher ergebenen gefährlichen Leuthen, und Mueßßiggänger dieße balley gar und gänzlichen säubern, und elibriren möge."
Da man sich aber eingestehen mußte, dass die Juden mit Handel und Wandel der Ballei so verflochten waren, dass man eine Säuberung nicht ohne wirtschaftlichen Schaden für die eigenen Untertanen vornehmen konnte, und man außerdem befürchten musste, dass die Ordens-Untertanen dann ihre Kredite bei den ebenfalls sehr zahlreichen Juden der benachbarten Gebiete aufnehmen würden, wodurch sie der Kontrolle des Ordens noch mehr entzogen werden würden, beschloss man nun, nach dem Modell der im Meistertum gebräuchlichen balleiseits Schutzbriefe auszustellen. Der Betrag sollte auf 10 Reichstaler oder 15 Gulden pro Kopf und Jahr festgesetzt werden; wer nicht bezahlte, sollte nach drei Monaten des Schutzes verlustig gehen und ausgewiesen werden.
Doch die Ausstellung der Juden-Schutzbriefe beanspruchte Deutschmeister Ludwig Anton weiterhin ausdrücklich für sich selbst als einem Regal, das von jeher allein dem Deutschmeister zugestanden habe. Dem sei, so die Argumentation, auch 1668 nicht widersprochen worden. Daher verweigerte er diesem Artikel des Rezesses die Approbation und ordnete an, mit der Ausstellung von Schutzbriefen noch zu warten. Bei seiner Regierung in Mergentheim bestellte der Deutschmeister ein Gutachten, da er diese wichtige Frage ein für allemal geklärt wissen wollte.
Im Januar 1693 ließ Ludwig Anton sich aber bereits vernehmen, er gedenke auf diesem rechtlich fundierten Regal zu bestehen, es sei denn, die Ballei erkläre sich zu gewissen Zugeständnissen bereit. Diesfalls könne man ihr dieses Recht möglicherweise überlassen.

Dass die Frage des Judenschutzes einzig und allein zu dem Komplex der Verteidigung der deutschmeisterlichen Rechte gegen Anmaßungen der Ballei Franken gehörte und nicht etwa humanitäre Gründe hatte, verdeutlicht folgendes Zitat aus einer Verordnung Ludwig Antons aus dem Jahre 1693, das sich auf die Behandlung der Juden bezieht: "Weillen auch einem Land und Estat kein schädlicheres gifft, alß daß gottlose Juden gesindtle sein kan, selbes auf keine weiß zu patroniren oder favorisiren: Viel wenig in den hofs handl und wandl, selben unß Zubedinen: Am wenigsten aber in Stätt und gueter einnisten zulaßen, sondern Viel mehr ... auß denen Landen, wo Sie zuvor nit geweßen, oder beraits gestosen worden, schleunigst wid fortzuiag: Wo sie aber Von alters hero alle Zeit Schutz gehabt, nach und nach absterben mithin dießß so schädliche unkraut gänzlich außreuten zulaßen."

Die Geldnot des Hochmeisters war regelmäßig so groß, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der Landkomtur auch Inhaber dieses Fürstenprivilegs geworden war.