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Die Roth´sche Almosenstiftung 1697  Davsternm.jpg

Besonders hervorzuheben für die 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts ist die Familie Moses Amson (auch "Amschel" genannt), die 1682 den Vorgängerbau des späteren Hotels "Römischer Kaiser" erwarb. Dieser Moses Amson hinterließ seinen fünf Kindern, den Töchtern Blimla und Pessla sowie den Söhnen Jakob, Maier und Löv, ein gewisses Vermögen, welches gemäß einer auf den 18. September 1697 datierten Urkunde die sogenannte "Rothische Stiftung" begründete. Die hebräische Urkunde lag 1859 noch vor- entweder in der Landjudenschft Ansbach  oder in der jüdischen Kultusgemeinde Ellingen. Heute ist sie  verschollen.
In der im folgenden vorgelegten Abschrift heißt es z.B., dass die Kinder des offensichtlich plötzlich und unerwartet Verstorbenen einen Teil des Erbes "zur Ehre unseres verstorbenen Vaters und Schwiegervaters, zur Seeligkeit und Ruhe seiner Seele" zusammenlegen wollten, um von den Zinsen dieser Summe, die sich auf 2000 Reichstaler, sprich 3000 Rheinische Gulden belief, jährliche Almosen an arme Glaubensbrüder spenden zu können. Angelegt wurde die Summe zu 5% Zinsen jährlich beim Rat der Stadt Weißenburg und hat dort gleich danach den Spanischen Erbfolgekrieg unbeschadet überstanden. In dieser Stadt stand die Stifterfamilie in hohem Ansehen, wie ein Zitat aus der historischen „Riederschen Chronik“ –Geschichte der ehemaligen Reichsstadt und Reichspflege Weißenburg im Nordgau“, die im Jahr 2002 in Weißenburg in bearbeiteter Form durch Stadtarchivar Reiner Kammerl im Druck erschienen ist (Bd.2, S. 1075):

„Unterm 2. April 1673 schärfte der Rat dem Zöllner ein, außer den Juden Mayer zu Ellingen und Ambson zu Pappenheim keinen anderen, er sei angesessen, wo er wolle, jung oder alt, Herr oder Knecht, unter keinerlei Vorwand umsonst in die Stadt zu lassen, sondern von jedem ohne Unterschied den gewöhnlichen Zoll zu fordern und einzubringen. Auf den gleichen Standpunkt stellten sich beide Stadträte noch 1693, als zur Untersuchung der Streitigkeiten zwischen Obrigkeit und Bürgerschaft eine kaiserliche Kommission in Weißenburg tagte und auch das Verhältnis zu den Juden feststellte. Sie berichteten der Kommission unterm 5. September: es verbleibe bei dem schon im Vorjahre gefaßten Beschlüsse, daß sooft eine jüdische Person in die Stadt kommt, sie den herkömmlichen Zoll zu entrichten hat, ausgenommen allein die beiden Juden zu Pappenheim Jakob und Hirsch sowie Löw Amson in Ellingen; welche der Stadt mit Anlehen viel Gutes erwiesen, zudem selten hereinkommen und darin gar nichts hausieren, auch sonst der Stadt keinen Schaden tun; dieselben wären bei dem getroffenen Akkord, ihr ferneres Wohlverhalten vorausgesetzt, zu belassen.“

Nach dem Aussterben bzw. Fortzug der Nachkommen aus Ellingen kamen die Stiftungsgelder jüdischen Verwandten in weitem Umkreis zu gute, denn nach dem Willen des Stifters sollten die finanziellen Zuwendungen innerhalb der Familie verteilt werden.
Nach einem weiteren Vertrag von 1718 werden von den Zinsen jährlich 40 fl. zu einer Präbende für eine arme Braut und die übrigen 80 fl. an die Armen, aber alles nur an Verwandte, verteilt.
Die Verwaltung dieser Stiftung kam im Jahre 1773  an die vormalige Korporation der Landjudenschaft in Ansbach und 1851 bei der Auflösung dieser Administration an die israelitische Gemeinde Ellingen zur Verwaltung.
In den Jahren 1876 und 1879 war die Stiftung noch recht vermögend und ertragreich, wie die Inserate in der Zeitschrift „Der Israelit“ ausweist. (Quelle: www.alemannia-judaica.de ).

       
  Ellingen_Israelit_05071876g[1].JPG   Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juli 1876: "Bekanntmachung. (Die israelitische Roth sche Wohltätigkeitsstiftung Ellingen betr.). 
Bei der rubrizierten Stiftung ist alljährlich in Folge Zinsenanhäufung (außer dem Brautschatze von 40 Gulden oder 68 Mark und 57 Pfennig) noch eine Summa von ca. 109 Mark wörtlich Einhundert neun Mark an würdige Armen gleichheitlich zu verteilen und sollen die Verwandten des Stifters bevorzugt werden. Es ergeht deshalb der Auftrag, dass nur solche Bewerber zulässig sind, die über die Verwandtschaft beglaubigten Stammbaum sowie auch ein amtlich bestätigtes Armutszeugnis nachweisen können; diese Atteste mit Anmeldungen haben dieses Jahr bis 15. Oktober 1876 an unterzeichneter Verwaltung franco einzulaufen, alle anderen Jahre jedoch müssen die Gesuche durch Anmeldungen vom 1. bis 30. Juni erneuert werden, andernfalls dieselben bei der Verteilung nicht berücksichtigt werden können.
Ellingen (Mittelfranken), den 4. Juli 1876.   Simon Schülein, Kultusvorstand." 
       
  Ellingen_Israelit_26031879g[1].JPG   Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. März 1879: "Bekanntmachung. Die israelitische Roth'sche Wohltätigkeitsstiftung in Ellingen betr. 
Bei unterzeichneter Verwaltung werden bis längstens 1. Juli 1879 Anmeldungen der Bewerber aus der Verwandtschaft der rubrizierten Stiftung mit einem Brautschatze von 68 Mark 57 Pfennig entgegengenommen. Hierbei sei besonders bemerkt, dass jedes Jahr nur ein Bewerber nach Vorrang der Verehelichungszeit zur Auszahlung gelangen kann, jedoch nur gegen seinerzeitige Stempelquittung. 
Berücksichtigt werden nur solche Bewerber, welche beglaubigte Trauungsscheine bis obigen Termin franco hier einsenden. 
Ellingen (Mittelfranken), 14. März 1876.  Simon Schülein. Kultus-Vorstand."
Der Text enthält eine Raffinesse: Im Text selbst wurde das Datum für den Bewerbungstermin aktualisiert. Bei der Datierung am Ende des Textes geschah das leichtsinniger Weise nicht. Wir haben es also mit einem regelmäßig wieder erscheinenden Text zu tun.
Das Stiftungsvermögen dürfte in den Inflationsjahren 1922/1923 untergegangen sein. Bereits die amerikanische Militärverwaltung suchte 1947 vergeblich nach den Resten der Stiftung, wie das Schreiben des "Headquarters Jewish Restitution Successor Organisation" der U.S:Army vo, 24. Januar 1947 zeigt. Der antwortende Bürgermeister Morgott hatte keine braune Vergangenheit und war eingesessener Ellinger. Die Auskünfte über den Verbleib der letzten Israeliten in diesem Schreiben sind am ehesten als unvollständig zu bezeichnen, entsprechen aber vielleicht dem damaligen Wissensstand. Möglich ist, dass der letzte Vorstand der Kultusgemeinde, Bermann, die Urkunden der vermögenslos gewordenen Stiftung mit ins Exil genommen hat.
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Abschrift
einer Übersetzung des Stiftungsbriefes der sogenannten Rothischen Stiftung in Ellingen

Wir Endes Unterschriebenen haben für uns selbst wegen der Ehre unsers verstorbenen Vaters Amschel Moses, Sohn des Jakob Ellinger selig, dieses Gelöbniß gethan, damit dieses Almosen zur Seligkeit seiner Seele vor Gott zugerechnet sein soll, indem uns bekannt ist, wenn der jähe Tod ihn nicht überfallen hätte, er selbst ein Almosengeld verstiftet hätte. Deswegen haben wir zur Ehre unseres verstorbenen Vaters und Schwiegervaters zu seiner Seligkeit und Ruhe seiner Seele gelobt, wie weiter vermeldet ist:
1) Vor allem ist expressis verbis voraus behalten und bedungen worden, ehe wir solches schriftlich gemacht haben, daß dieses Almosengeld  nicht zur Ewigkeit verbleiben soll und muß; auch zeitlich zwischen uns ausgetragen und bemeldet werden, daß wir keine geringste Verantwortung vor Gott haben sollen, wenn uns zur gewisssen Zeit ein Gedanke kommen möchte, etwas von diesen Artikeln ändern oder das verstiftete Almosengeld unter uns selbst zu vertheilen, nämlich jeder Sohn vom dem angedachten Amschel Moses Ellinger selig einen ganzen Theil zu nehmen und jede Tochter einen halben Theil etc.etc.
2) dieses ist unter uns verblieben, aber für kein ordentliches Gelöbniß, daß wir zusammenlegen wollen 2000 Reichs Taler, sage 3000 fl rheinisch nämlich in Mannserb ein ganzes Theil dazu geben und ein weiblicher Erb einen halben Theil, und die Summe zu stellen bei dem hochlöblichen Rath und Gemeinde Weißenburg auf 5 Prozent jährlich Interessen, und dieselbigen jährlichen Interessen sollen ausgetheilt werden an die Armen, und auf alle Art und Weis sollen die armen Freund vor allen andern Armen beferdert werden, und der dritte Theil soll verwendet werden, für arme Kinder des Lehrlohn denen zu zahlen , damit die Armen auch ihre Kinder erziehen und erhalten können bei dem Lernen. Auch von dem dritten Theil Interessen muß jährlich 10 fl gegeben werden für die armen Juden, die im gelobten Land sind. Auch diese Person, welche jedes Jahr gestellt ist, dieses Almosengeld auszutheilen, hat Fug und Macht, auch über diese 10 fl an die armen Juden, die im gelobten Land sind, von dem Interessengeld zu geben, nach seinem freien Willen, jedoch mit dem guten Bedenken, daß Gott einen Wohlgefallen daran hat.
3) die fälligen Interessen von diesem Kapitale sollen alle Jahre ausgetheilt werden durch einen von den Unterschriebenen, kein anderer darf dabei den Deputirten einsetzen, sondern der Deputirte jedes Jahr soll er austheilen nach freiem Willen, doch mit dem Gedanken, daß es Gott zum Wohlgefallen ist, nämlich das erste Jahr vom Monat Adar 5458 (Einschub Rabbiner: März 1697 bis März 1698, konkret: der 1. Adar 5458=12. Februar 1698) soll die Theilung hier durch Maier Ellinger von Fürth, das ander Jahr durch Hirsch Oppenheimer und seinen Schwager Jakob Pappenheim, das dritte Jahr durch Löv Ellinger, nämlich durch bemeldeten selbst oder ihre Erben. Jeder von uns, an welchen die Theilung fällt, muß abschlägig an die Frau Pehs in Frankfurt 18 fl 45kr und diese 18fl 45 kr soll sie all ihr Lebens Tag jährlich austheilen, solange nach unseren oder unserer Erbe Belieben die getane Stiftung besteht.
4) das Geld soll nicht zu unserem Nutzen, nicht zu Gunsten oder Lieb zu einer Person vertheilt werden. Der Deputierte soll jedoch endgültig über die Vertheilung Register führen und den Erben in der Höhe wenigsten seinem Nachfolger mitteilen.
5) Die Obligation von hochlöblichen Rath Weißenburg soll und muß auf den Namen aller Erben geschrieben werden, und der Deputierte, an welchen die Vertheilung der Interessen fällt, soll auch die Obligation gegen Bescheinigung an die anderen in Händen haben. Bei 100 Dukaten Strafe, halb der hochlöblichen Herrschaft und halb dem Almosen muß nach Umfluß eines Jahres der Deputierte seinem Nachfolger Obligationen und Quittung aushändigen.
6) Auch ist bescheidlich besagt werden, wie auch des hochlöbliche Magistrat Weißenburg die jährlichen Interesse nicht verstatlich alle Jahr zahlen möchte, jedoch muß jeder Pfleger von seinem eignen Geld herleihen 150 fl, hundert Reichsthaler, damit jedes Jahr die Interessen unter die Armen ausgetheilt werden etc.etc.
7) Alle die eben gemeldeten Artikel haben wir resolviert für uns und unsere Kinder und weitere Nacherben nachzufolgen und mit allen Stücken und Macht zu halten etc.etc.
8) Wenn aber wieder alles Verhoffen wir alle sämtliche unterschriebenen Erben und ihre Nacherben alle sämmtlich wieder Willens sein möchten, dieses Alles zu ändern und wieder aufzuheben, also soll des völlige Kapitel getheilt werden, daß für jeden Erben oder an seine Kinder und ihre Erben ein Sohn ein ganzes Theil und für jede Tochter von uns oder ihre Kinder und Erben von dem Kapital gegeben werden muß ein halb Theil.
Weil alles was gemeldet ist zu alle Ehren und Art geschehen ist mit Wissenschaft und Willen sämmtlicher Erben, also können wir selbst eigenhändig zu unterschreiben heut unter dem 18. Tag im Monat Elul (= 4. September, jüdisches Jahr 5457) anno 1697 in Ellingen.

Hirsch der Sohn von Modl Oppenheim mit Bekräftigung im Namen seines Weibes Blimla
Jakob der Sohn von Amschel Moses selig von Pappenheim
Meier der Sohn von Amschel Moses selig
Peßla die Tochter von Amschel Moses selig
Löv der Sohn von Amschel Moses selig in Ellingen


Diese Abschrift aus dem Jahr 1859 stammt aus der Feder des Ansbacher Rabbiners Grünbaum als Anlage zu einem Schreiben an den Spalter Stadtpfarrer und Historiker Fuchs, der auch eine Geschichte des Ellinger Franziskanerklosters verfasst hat:


Ansbach, den 7ten Januar 1859
Hochwürdiger Herr Stadtpfarrer!
Mit Vergnügen habe ich Ihrem in verehrlicher Zuschrift vom 1ten dieses Monats ausgesprochenen Wunsche entsprechend eine Abschrift aus einer bei der hiesigen Handakte der Rothischen Stiftung in hebr. Kurrentschrift vorliegende Übersetzung des Stiftungsbriefes gefertigt, welche Ihnen anbei zu übersenden ich mich beehre. Einige unwesentliche Beisätze habe ich ausgelassen, weil sie zu Ihrem Gebrauch irrelevant sind.
Wie Sie aus diesem Aktenstücke ersehen haben fünf Kinder des Amschel (Amson) Moses von Ellingen im Jahr 1697 zu Ehren ihres verlebten Vaters diese Stiftung gegründet, welche im Jahr 1773 zur Verwaltung bei der vormaligen Korporation der Landjudenschaft hirher kam und erst 1857 wieder bei der völligen Auflösung der hiesigen Administration an die israelische Gemeinde Ellingen zur Verwaltung hinausgegeben worden ist. Nach einem Vertrage, welche die Verwandten 1718 geschlossen haben, werden aus den Zinsen alljährlich 40 fl zu einer Präbende für  eine arme Braut und die übrigen 80 fl. An die Armen, aber alles nur an Verwandte, verteilt. Die Beträge werden weithin, so nach Pappenheim, Thalmässing, Heidenheim, Gunzenhausen, Fürth, Frankfurt, Bockenheim, Heidingsfeld etc.etc. vertheilt, in Ellingen selbst lebt kein Anverwandter und man hat nichts aus der Stiftung bezogen. Woher der Name Rothische Stiftung sich schreibt, weiß ich selbst nicht. Dieß ist das Wesentliche, was ich an dieser Sache mitzutheilen weiß.
Indem ich der Hoffnung mich hingebe, bei der Prüfung der israelitischen Schule in Kernheim(?) nächstes Frühjahr Euer Hochwürden sehr wohl zu treffen
Verharre ich
Hochachtungsvollst
Euer Hochwürden
Ergebenster Grünbaum, Rabbiner