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1. Die Anfänge
Das älteste Dokument über die Existenz einer Judengemeinschaft im deutschen Sprachraum stammt aus dem Jahre 321 n.Chr., es handelt sich hierbei um einen Erlaß Kaiser Konstantins des Großen an die Dekurionen von Köln mit der Aufforderung, daß Juden, die einen aus ihrer Religionsgemeinschaft Ausgetretenen und zum Christentum Bekehrten mit Steinen oder auf eine andere Art des Unwillens angreifen, sofort den Flammen übergeben und zusammen mit ihren Helfern verbrannt werden sollen. Ferner, wer aus der Bevölkerung ihrer abscheulichen Religion beitritt und ihren Zusammenkünften beiwohnt, soll mit ihnen die verdienten Strafen erhalten". Das Original dieses Schreibens befindet sich in der Vatikanischen Bibliothek

Am Ende des Mittelalters wurden die Juden aus vielen, vor allem protestantischen deutschen Städten vertrieben. Ein Teil ließ sich auf dem Lande, d.h. in Ortschaften wie Pappenheim, Treuchtlingen oder Ellingen nieder, während die Mehrheit den Weg in den europäischen Osten und Südosten antrat.
Wann sich die ersten Juden in Ellingen niederließen, ist heute nicht mehr genau zu ermitteln; vermutlich nach dem Jahr 1500, weil die vollständige Liste der Steuerzahler zur Reichssteuer des “Gemeinen Pfennigs” von 1495 keinen als jüdisch erkennbaren Namen enthält. Möglich wäre die Aufnahme einiger Juden aus Weißenburg, die dort 1520 vertrieben worden sind. Ein Michel Bauernfeind findet sich 1536 im Salbuch des Deutschen Ordens von Ellingen. Außer dem Namen gibt es jedoch keinen weitern Hinweis, dass er Jude sein könnte. Ab 1546 tauchen weitere jüdische Namen als Hausbesitzer auf. Urkunden aus dem fränkischen Ordensgebiet befassen sich ab 1535 mit den Juden innerhalb des Territoriums. 
Diese betreffen in erster  Linie die Austreibung der Juden aus dem Ordensgebiet und entsprechende Vereinbarungen mit den Nachbarn. Die Außenaufschrift des schriftwechsels klingt recht brutal, doch im heutigen Sprachverständnis  ist der Text irreführend. Er betrifft “ nur“ die Vorbereitung einer Absprache mit den Nachbarn, zum kommenden Jahreswechsel die Juden im Umkreis von dreissig Kilometern zu vertreiben:

Der Dreißigjährige Krieg, der allein beim Vorbeimarsch der Truppen des schwedischen Königs Gustaf Adolf im März 1632 die Trümmer von etwa 40 zerstörten Häusern in Ellingen zurückließ, wirkte sich auch auf die Anzahl der in Ellingen lebenden Juden aus. Genau läßt sich ihre Zahl nach Beendigung des Krieges nicht angeben, allerdings sind die Namen von vier Familienoberhäuptern bekannt, die 1667 zur Huldigung vor den neuen Hauskomtur Wolf Ferdinand von Vennigen geladen waren, aber aus heute nicht mehr verifizierbaren Gründen nicht teilnahmen. Es handelte sich um die Vertreter der Familien Löw, Marx, Mayer und Kallmann, an deren Namen auf den erhaltenen Unterlagen jeweils der Zusatz "Jud, nicht erschienen" angefügt ist.

Besonders hervorzuheben für die 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts ist die Familie Moses Amson (auch "Amschel" genannt), die 1682 den Vorgängerbau des späteren Hotels "Römischer Kaiser" erwarb. Dieser Moses Amson hinterließ seinen fünf Kindern, den Töchtern Bleinla und Pessla sowie den Söhnen Jakob, Maier und Löw, ein gewisses Vermögen, welches gemäß einer auf den 18. September 1697 datierten Urkunde die sogenannte "Rothische Stiftung" begründete. Während Stadtschreiber Wehn im 19. Jahrhundert noch von "einer vorliegenden hebräischen Urkunde" berichtete, ist diese heute nicht mehr einsehbar, eventuell verschollen, verbrannt etc.. Der Ansbacher Rabbiner Grünbaum fertigte im Jahr 1859 eine fast vollständige Abschrift in deutscher Sprache. In der Abschrift heißt es z.B., dass die Kinder des offensichtlich plötzlich und unerwartet Verstorbenen einen Teil des Erbes "zur Ehre unseres verstorbenen Vaters und Schwiegervaters, zur Seeligkeit und Ruhe seiner Seele" zusammenlegen wollten, um von den Zinsen dieser Summe, die sich auf 2000 Reichstaler sprich 3000 Rheinische Gulden belief, jährliche Almosen an arme Glaubensbrüder spenden zu können. Nach dem Aussterben bzw. Fortzug der Nachkommen aus Ellingen kamen die Stiftungsgelder jüdischen Verwandten in Bockenheim, Fürth, Frankfurt/Main, Gunzenhausen, Heidenheim, Heidingsfeld, Pappenheim und Thalmässing zu Gute, denn nach dem Willen des Stifters sollten die finanziellen Zuwendungen innerhalb der Familie verteilt werden. Vermutlich befand sich im Haus der Familie Amson der in jeder jüdischen Gemeinde unbedingt benötigte Betsaal, auch wenn konkrete Angaben hierüber nicht vorhanden sind.

Aus Schreiben des Landkomturs von Zocha geht für diese Zeit lediglich hervor, dass die Mitglieder der jüdischen Gemeinde 1688 und 1691 aufgefordert wurden, bei familiären Ereignissen wie Hochzeiten, Begräbnissen und Beschneidungen analog zu ihren christlichen Mitbürgern sogenannte "Stolgebühren" an den katholischen Pfarrmesner zu entrichten.

„Instruction Herrn Walthers von Cronberg wessen sich des Teutschen Ordens Abgesandte bei Samson von Lammersthain, wegen Ausrottung der Juden zu vergleichen. A. etc. 1535“

Im Jahr 1540 setzte der Administrator des Hochmeistertums, Walter von Cronberg, die Takkanot und die Reichstagsbeschlüsse von Augsburg des Jahres 1530 in das Territorialrecht des Ordens um. Menschen jüdischen Glaubens lebten also fast 400 Jahre ununterbrochen in Ellingen,  viele ihrer Häuser existieren bis heute.

2. Aufschwung der Gemeinde im "Goldenen Zeitalter" Ellingens
Die Barockzeit mit ihrem unübersehbaren Aufschwung für Ellingen ging auch an der jüdischen Gemeinde nicht spurlos vorüber. So ließ z.B. die Familie Amson ihr Wohnhaus in den Jahren 1725 - 1730 in barocker Form umgestalten, bevor sie es 1741 an den Glaubensbruder Samuel Landauer verkaufte. Der heute noch in diesem Gebäude erhaltene private Betsaal ebenfalls in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden und zeigt auf den sieben Deckenfresken bekannte alttestamentarische Motive wie den brennenden Dornbusch, Gott als Gast bei Abraham, Abrahams Opfer, Erstgeburtssegen des Isaak, Jakobs Traum mit der Himmelsleiter, Rebecca vor dem Brunnen und Potifars Weib als Anklägerin Josefs.  
Die Amsons zogen nach dem Verkauf auf die gegenüberliegende Seite der Weißenburger Straße um, wo sie 1724 ein Gebäude  (heutige Hausnr. 14) erworben hatten, welches sie ebenfalls barockisieren ließen, vermutlich nach Plänen des Deutschordensbaumeisters Franz Joseph Roth.
Das Nachbargebäude, Weißenburger Str. 16, befand sich gleichfalls in jüdischem Besitz, wie der ehemalige Türstock des Hauses beweist, der noch heute auf dem Dachboden aufbewahrt wird und mit einer Kerbe für die Mesusa versehen ist.
Für die Vermehrung der jüdischen Gemeinde und ihr gestiegenes Selbstbewußtsein spricht der Bau einer Synagoge in der Neuen Gasse ab dem Jahr 1756 durch den Deutschordensbaumeister Matthias Binder. Samuel Landauer, ein engagiertes und als Bankier auch vermögendes Mitglied seiner Gemeinde, hatte sich beim Landkomtur Friedrich Carl von Eyb dafür verwendet, beim Bau der Neuen Gasse eine Synagoge samt Ritualbad in die Planungen einzubeziehen. Ob auch das Landauerhaus ein solches Ritualbad besaß, ist wahrscheinlich, bisher aber noch nicht ausreichend untersucht worden. Lediglich das ebenso religiös vorgeschriebene Landauer-Schlachthaus ist schriftlich überliefert. Das erforderliche Grundstück für die geplante Synagoge befand sich im Besitz des Samuel Landauer, und zwar im rückwärtigen Teil seines Anwesens.
Von einem Nachkommen des Samuel Landauer namens Elias, wahrscheinlich seinem Sohn, hat sich der Schutzbrief erhalten, der vom Landkomtur von Lehrbach 1783 unterzeichnet und für sechs Jahre ausgestellt wurde. Elias Landauer hatte für die Ausstellung des Schutzbriefes zweieinhalb Reichstaler zu entrichten sowie jährlich am 1. Mai pro Familienmitglied 15 Gulden zu zahlen. Auch mußte er sich mit jährlich 15 Gulden am Unterhalt des Pferdes des Ellinger Gerichtsverwalters beteiligen. Als er nach sechs Jahren seinen Schutzbrief erneuerte, verlangte man von ihm eine Aufstellung, welche Schuldner ihm welche Summen schuldeten. Es waren 34 an der Zahl, zu denen u.a. der Baron von Schenk, Geyern mit 400 Gulden und auch das Fürstliche Hochstift Eichstätt mit 3544 Gulden gehörten.
Obwohl die Zeit des Ordens in Ellingen sich unaufhaltsam dem Ende zuneigte, wurden noch bis zum Jahre 1806 Schutzgesuche gestellt.


3. Bürgerliches Leben im 19. Jahrhundert
Für die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts liegen naturgemäß mehr Quellen, Schriftstücke, Erinnerungen usw. vor, so dass das Bild der Ellinger jüdischen Gemeinde konturenreicher und plastischer wird. Erhalten hat sich z.B. im Ellinger Stadtarchiv die Ellinger Matrikel, also der "Auszug aus den Matrikeln der koeniglichen Regierung, Kammer des Innern, über die im Rezat-Kreise ansaessigen Israeliten, Herrschaftsgericht Ellingen, Gemeinde Ellingen" aus dem Jahre 1821, in dem sowohl vermerkt ist, wann und für wen Schutzbriefe ausgestellt wurden, zurückreichend bis in die letzten Ordensjahre, als auch, wie sich Familiennamen änderten. Denn bis zu diesem Jahr gab es hierfür keine verbindlichen und einheitlichen Regelungen. Nun aber, im Königreich Bayern, wurden die Familiennamen gesetzlich festgelegt. So wurde aus Joseph Wisels ein Joseph Friedmann,
Ebenso hat sich im Stadtarchiv ein "Verzeichniß der in der Stadt Ellingen gebohrnen jüdischen Soehne" aus dem Jahr 1822 erhalten, beginnend mit dem Geburtsjahr 1793, aus dem hervorgeht, dass sowohl alttestamentarische Namen wie Abraham, Moses, Elias, Samuel etc., als auch gebräuchliche deutsche Namen wie Max, Moritz oder Albert für die Nachkommen gewählt wurden.
Viehhandel war und blieb der Bereich des Erwerbslebens, in dem die Ellinger Juden tonangebend waren. Aber man handelte darüber hinaus mit Schnittwaren, Leder, Eisen und Potasche. Die Zahl der Familien belief sich 1847 auf elf mit insgesamt 62 Personen und stand im Verhältnis zu den christlichen Bewohnern der Stadt wie 1 zu 26.
Umfangreich sind die Versuche in den Akten dokumentiert, trotz der Matrikel eine Möglichkeit zu finden, sich niederzulassen und eine Familie gründen zu können. Erst die Abschaffung der Matrikel 1861 ermöglichte in Bayern ein freies und glückliches jüdisches Leben.

4. Untergang der Gemeinde im 20. Jahrhundert
Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Ellingens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist bestimmt von zwei sich widersprechenden Entwicklungen. Einerseits sind die jüdischen Bürger der Stadt vollständig in die ländlich geprägte Gesellschaft integriert, abzulesen auch daran, dass der Viehgroßhändler Bernhard Bermann aus der heutigen Hausner Gasse 5 viele Jahre Mitglied des Stadtrates war, andererseits aber wirkte sich der staatlich geförderte Antisemitismus der NS-Zeit ab 1933 auch auf Ellingen aus und führte nach den Ausschreitungen der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 zum endgültigen Ende des jüdischen Lebens in der Barockstadt.
Wie selbstverständlich christlich-jüdisches Zusammenleben zu Beginn des Jahrhunderts existierte, erhellt eine kleine Notiz im "Ellinger Anzeiger" vom 20. September 1906, in der ganz öffentlich die Festtagstermine des neuen jüdischen Kalenderjahres mitgeteilt werdent: "Das Neujahrsfest 5667 feiern heute unsere israelitischen Mitbürger. Morgen folgt dann das zweite Fest, am 23. Fasten-Gedaljah und am 29. das Versöhnungsfest. Weitere hohe Feiertage bringen dann der 4. und 5. Oktober (Laubhüttenfest) und der 10. bis 12. Oktober (Palmenfest, Laubhütten-Ende und Gesetzesfreude)."
Trotz des normalen Miteinanders sank die Zahl der jüdischen Bürger bereits nach dem I. Weltkrieg, bei dem auch sie einen hohen Blutzoll für ihr deutsches Vaterland entrichtet hatten, auf  38 Personen bzw. 2,3 % der Bevölkerung gemäß einer Zählung von 1925. Dennoch waren Betriebe wie der Viehgroßhandel Bermann & Oppenheimer, die Viehhändler Max Gutmann und Heinrich Löwenstein, die Textilhändler Leopold Schönwalter und Justin Richard oder auch die Woll- und Hopfen-Commission des Lazarus Eisen, um nur einige zu benennen, für das Geschäfts- und Wirtschaftsleben der Stadt nicht unbedeutend, sondern sorgten umgekehrt durch ihre teilweise hohen Gewerbesteuern für gefüllte Stadtkassen.
Das Ende jüdischen Lebens in Ellingen begann zunächst unspektakulär und wurde deshalb von der Bevölkerung kaum wahrgenommen. War schon bisher die Situation der jüdischen Gemeinde eher stagnierend, denn Zuzug gab es selten, so bedeutete jeder endgültige Fortzug eine Schwächung dieser doch recht kleinen Glaubensgemeinschaft. Der erste, der sich durch Inserate wie "Kauft nur in deutschen Geschäften" usw. nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zum Verlassen Ellingens aufgefordert fühlte, war der Textilhändler Leopold Schönwalter, der nicht nur ein gutgehendes Kaufhaus in der heutigen Pleinfelder Str. 15 betrieben hatte, sondern auch eine Filiale in der Nähe des Ingolstädter Hauptbahnhofs besaß. Den Familienbetrieb hatte Leopold Schönwalter schon vor dem I. Weltkrieg am 5. April 1909 von seinem Vorgänger Moritz Schönwalter übernommen, der wiederum den Betrieb von den Erben des Hirsch Seligmann Schönwalter erhalten hatte, die damals in Nürnberg und Nordamerika wohnten. Er verkaufte sein Textilwarengeschäft mit "sämtlichen Warenbeständen", am 17. Juli 1933 an den christlichen Textilhändler Georg Schötz und wanderte noch in den dreißiger Jahren nach Palästina aus. Am 14. Februar 1938 übernahm Max Schlehaider das Textilgeschäft von Georg Schötz.

Ein weiterer Ellinger, der 1914 geborene Sohn Max des Viehgroßhändlers Bernhard Bermann  und seiner Frau Betti, geb. Bieringer, verließ 1934 die Stadt in Richtung Italien. Neben seiner Muttersprache Deutsch verfügte er zusätzlich zum Hebräischen nach sechsjährigem Realschulbesuch über Fremdsprachenkenntnisse in Englisch, Französisch und Italienisch, die ihm in der neuen Heimat in Ricavo di Castellina in der Toskana von Nutzen waren. Als deutscher Staatsangehöriger unterstand er auch im Ausland der Wehrerfassung und meldete sich pflichtgemäß im Mai 1936 beim Deutschen Konsulat Florenz zur Erfüllung der gesetzlichen Bestimmungen. Der Konsul teilte daraufhin am 25. September 1936 dem zuständigen Polizeipräsidenten in Berlin mit: "Da er Jude ist, wurde er ohne Untersuchung am 28. Mai ds. Js. zurückgestellt und es wurde ihm ein Ausweis über die Anmeldung im Ausland zur Erfüllung der aktiven Dienstpflicht und Arbeitsdienstpflicht ausgehändigt." Auch 1937 genügte Max Bermann seiner Meldepflicht, diesmal im Deutschen Generalkonsulat in Genua. Aus heutiger Rückschau mutet dieses korrekte Verhalten gegenüber einem sichtbar feindlich gesonnenen Staat fast unwirklich an, zeigt aber auch die tiefe Verwurzelung der Bermanns in einem Land, welches man nur vorübergehend auf einem schlechten Weg wähnte.
Anders sahen es die Mitglieder der Familie Reinemund, die das Haus Weißenburger Str. 23 besaßen. Bruno Reinemund, geb. 1901 in Ellingen, verst. 1986 in den USA, und seine Frau Ilse, geb. Elkan aus Düsseldorf, bemühten sich schon während des Jahres 1937 um die Ausreisegenehmigung in die Vereinigten Staaten, die ihnen auch erteilt wurde, so dass sie am 13. Dezember 1937 mit ihrem sechsjährigen Sohn Georg von Hamburg aus mit dem Schiff "S.S. Havanna" Deutschland für immer den Rücken kehrten. Sohn Georg aber kam als US-Soldat in den fünfziger Jahren zurück und besuchte bei dieser Gelegenheit auch sein Geburtshaus in Ellingen. Nach dem Tode seiner Mutter 1996 fand er in ihrem Nachlass eine Menge an Papieren, Fotos usw. aus und über Ellingen, was ihn zu einem zweiten Besuch seines Kindheitsortes anregte. Besonders erfreut war er darüber, daß der alte jüdische Betsaal im "Römischen Kaiser" den Kulturterror der NS-Zeit unversehrt überstanden hatte, und schenkte dem Stadtarchiv eine aus dem Nachlaß der Eltern stammende "Wehnsche Chronik".
Der Kaufmann Lazarus Eisen, geb. am 29. Sept. 1882, ließ seinen Betrieb am 15. Dezember 1937 aus dem Gewerbeverzeichnis streichen. Vier Töchter verschiedener Familien, z.B. Herta Gutmann und Martha Löwenstein, besuchten inzwischen eine jüdische Schule in Karlsruhe, da gemeinsamer Unterricht nicht mehr erlaubt war. Ebenso wurde die Berufsausübung laufend erschwert und schließlich ganz unmöglich gemacht, so daß auch der verbliebene Textilhändler Justin Richard, Jahrgang 1910, im Laufe des Jahres 1938 seinen Betrieb verkaufte. Bernhard Bermann verkaufte sein Anwesen in der Hausner Gasse ebenso 1938 und löste im August des gleichen Jahres die Firma Bermann & Oppenheimer auf. Allerdings konnte er sich nicht so schnell von seiner Heimatstadt trennen, musste in der Nacht vom 9./10. November die Verwüstung seiner Wohnung erleben und übelste Beschimpfungen über sich ergehen lassen, und fasste erst dann den Entschluss zur Auswanderung. Mit den Bermanns zogen auch die Familien Gutmann und Oppenheimer zunächst nach Karlsruhe, um von dort aus ihre Auswanderungsformalitäten zu koordinieren.
Heute leben Nachkommen der Ellinger Familien Bermann und Oppenheimer sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Israel, die Gräber ihrer Vorfahren finden sich überwiegend auf dem jüdischen Friedhof in Treuchtlingen.
Waren zu Beginn des Jahres 1938 noch vier jüdische Betriebe in Ellingen ansässig, meldete Bürgermeister Grüll am 5. Dezember 1938 dem Bezirksamt Weißenburg hinsichtlich der beiden letzten: "Das Geschäft des Justin Weiß und des Heinr. Löwenstein wurde am 9. Nov. ds. Jhrs. abgemeldet und wird nicht weiter betrieben." Somit steht das Jahr 1938 nicht nur für die Verwüstung der Ellinger Synagoge während der Pogromnacht im November, sondern auch für die erzwungene Selbstauflösung einer seit Jahrhunderten in Ellingen wirkenden Glaubensgemeinschaft.
Der weitere Leidensweg der Familie des nicht besonders vermögenden Viehhändlers Heinrich Löwenstein ist einigermaßen bekannt. Sie wurde, nachdem sie noch im November 1938 nach Nürnberg verzogen war, nach dem Überfall auf die Sowjetunion in ein KZ im lettischen Riga deportiert, wo Heinrich Löwenstein und seine Frau Hilde ermordet wurden, während die einzige Tochter Martha 1944 noch in das KZ Stutthof bei Danzig verlegt wurde, in dem dann auch sie vermutlich umkam, da sich dort ihre Spur verliert. Lediglich einer Verwandten, Marion Löwenstein aus Ellingen, gelang es wahrscheinlich mit Hilfe von Freunden in München, wo sie eine Lehre absolvierte, der Vernichtung zu entgehen. Ein Foto zeigt sie im März 1942 beim Skilaufen in den Schlierseer Bergen.
 Hingegen teilte der Viehaufkäufer Max Gutmann, geb. am 5. Juli 1885, das Schicksal von Millionen seiner Glaubensgenossen, denn von Karlsruhe aus wurde er nach der Besetzung Frankreichs in das dortige Internierungslager Gurs nahe der spanischen Grenze deportiert, von wo aus ab März 1943 die Züge nach Auschwitz rollten. Sein genaues Todesdatum ist unbekannt.       
Der Verkauf der Synagoge nach Abschluss der hohen jüdischen Feiertage im November 1938 durch Heinrich Löwenstein symbolisierte das Ende der Gemeinde. Nachdem Löwenstein den Käufer und Nachbarn Traub sen. nachdrücklich darum gebeten hatte, auf keinen Fall einen Schweinestall aus dem Gotteshaus zu machen, verlangte gerade dieses der 2. Bürgermeister und Ortsgruppenvorsitzende der NSDAP Engelhard, bevor er den Kaufvertrag seitens der Stadt bestätigte. Wurde die Synagoge zunächst nur als Scheune genutzt, baute der Besitzer sie Anfang der sechziger Jahre komplett um, indem eine Zwischendecke eingezogen und so der einstige Gottesdienstraum in mehrere Räume auf zwei Ebenen unterteilt wurde. Die Veränderung der Fensterfront sorgte zusätzlich dafür, den sakralen Charakter des Gebäudes unsichtbar zu machen. In der Nachkriegszeit soll sogar eine Anordnung von höherer Stelle aus München ergangen sein, in welcher die Stadt Ellingen aufgefordert wurde, "eine ordentliche Wiederherstellung der Synagoge zu veranlassen".
Bekanntlich hat eine derartige Wiederherstellung nie stattgefunden, so dass heutige jüdische Besucher der Stadt allerhöchstens einen Blick in eine Garage werfen dürfen. Informationstafeln an einigen Barockhäusern weisen mitunter auf ehemalige jüdische Besitzer hin. Insgesamt gesehen, ist das Verhältnis der Ellinger Bevölkerung zur Akzeptanz der auch jüdischen Vergangenheit der Stadt, wie in pluralistischen Gesellschaften üblich, mehrschichtig. Die Spanne reicht von Überresten des anscheinend unausrottbaren Antisemitismus über Gleichgültigkeit und Desinteresse bis zur Trauer über ein unwiederbringlich beendetes Kapitel der Stadtgeschichte und gemeinsamen Vergangenheit. Noch leben unter uns Zeitzeugen, die ein bestimmtes Wissen über Personen und Gebäude weitergeben können, jedoch nicht unendlich. Trotz des gegenwärtig starken Zustroms jüdischer Neubürger nach Deutschland, ist nicht mit einer Wiederbelebung jüdischen Lebens in Ellingen zu rechnen.