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Die Reichskristallnacht 9./10. November 1938  Davsternm.jpg
Die Vorgänge in dieser Nacht des 9. November 1938 werden in Ellingen bis heute totgeschwiegen, was wohl auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass in einem kleinen Ort von damals 1.500 und heute 2.700 Einwohnern jeder von jedem lebt und abhängig ist. In den allermeisten Fällen bestehen engere und fernere Verwandschften. Das macht es schwer, offen über einander zu sein. Dazu kommt die doch gefühlte Verantwortung, die man nicht wahrgenommen hat. Das zeigt auch die traurige Antwort auf den Fragebrief des Rabbi Harold Schuster, der am Eingan der Site veröffentlicht wird. Rabbi Schuster ist der Junge mit dem Fahrrad auf dem Logo dieser Site.
Nach der Schutzlegende der Ellinger waren die Aktivisten SA- und SS - Leute aus Weißenburg, Weiboldshausen und Höttingen - alles Orte im Umkreis von 3km. In anderen Ortschaften aktiv zu sein, bedarf jedoch zumindest ortskundiger Führung. Es wäre auch dem Kreisleiter der NSDAP in Weißenburg schlecht zu Gesicht gestanden, untätig zu sein, nur weil Weißenburg schon seit Jahrhunderten “judenfrei”-wie der schändliche Ausdruck damals lautete- war. In den beiden Dörfern gab es starke faschistische Strömungen, wie schon deren örtliche Geschichte zeigt. So wurde ein Weiboldshausener KIrchenverwaltungsmitglied nach einer Sitzung, in der es als einziges der Bestellung eines neuen Pfarrers von den DC - den  “Deutschen Christen”,  wie sich der nazionalsozialistische Versuch nannte, ein entjudifiziertes deutsches Christentum zu schaffen- wiedersetzte, so brutal von seinen christlichen Kollegen nach der Sitzung zusammengeschlagen, dass er fast im Straßengraben gestorben wäre.

Die kollektive Erinnerung verharmlost die Vorgänge dieser Nacht dergestalt, dass ja nur einige Scheiben der Synagoge eingeworfen worden wären. Tatsächlich wurde das Inventar und die Ritualien zerschlagen. Dazu wurden die Wohnungen aller drei noch in Ellingen verbliebenen Judenfamilien gestürmt und die Einrichtung zerschlagen. Die Bewohner wurden in Nachthemden auf die Straße getrieben, fanden aber doch bei wohlgesonnenen und mutig gebliebenen Ellingern Unterschlupf. Mehrer Hauswände wurden mit dem Spruch “Rache für den Mord von Paris” beschmiert.
Sicher war der Ellinger Ortsgruppenführer Engelhard mit von der Partie, der gleichzeitig Rektor der Volksschule und stellvertretender Bürgermeister war. Sein Schreiben vom 17. Juni 1934, verdeutlicht seine Art des Denkens. Er rühmte sich öffentlich, er habe bemerkte, dass der in dieser Nacht noch in Ellingen lebende Synagogenvorsteher Bernhard Bermann versuchte, sich vor den in seine Wohnung eindringenden Schlägern in Sicherheit zu bringen. Als Bermann versuchte, sich aus dem ersten Stock seines Hauses abzuseilen, habe er aus unmittelbarer Nähe eine Pistole abgeschossen, so daß Bermann vor Schreck abstürzte und sich offene Bruchverletzungen am Bein zuzog. Diese Erzählung wird von mehreren Ellingern bestätigt- unter anderem vom ehemaligen Bürgermeister Franz Grüll, dem Sohn der Bürgermeisters Grüll im Dritten Reich, in einem Interview mit Norman Klinger.
Dieser Ortsgruppenleiter der NSDAP, Engelhard war es auch, der das Silbergerät und die Thorarollen auf seinem Anwesen “fand” und sie bis zum Kriegsende behielt. Wo sie danach allerdings hingekommen sind, unterliegt anscheinend wieder dem allgemeinen Schweigen.
Ebenfalls bestätigt ist die Teilnahme des aus Weißenburg zugezogenen Frisörs und Baders Helmrich, der - ebenfalls bestätigt- versuchte, durch einen selbstgebastelten Brandsatz, den er durch das Oberlicht der Haustüre warf, das Haus seiner Nachbarn Löwenstein (neben dem Pleinfelder Tor in Ellingen) in Flammen zu setzen. Er fand das ganz öffentlich lustig, nachdem nur ein Teppich in Brand geraten war.

Bei Ophier/Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-45, München 1979 wird ohne Namensangabe erwähnt, dass von mehr als einem halben Dutzend Ellingern, die wegen der Vorfälle in der Reichskristallnacht nach Kriegsende angeklagt worden waren, drei freigesprochen worden sind, die anderen wurden verurteilt.
Wir behalten in unserer deutschsprachigen Darstellung den ominösen Ausdruck “Reichskristallnacht” bei. Die andern Ausdrücke wie “Pogromnacht” sind im Ergebnis auch nicht besser und verharmlosen im Endefekt nur den im von den Nazis bewußt geprägten Begriff der Reichskristallnacht enthaltenen Zynismus.