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Die rechtswidrige Sicherheitsleitung
Joseph Friedmanns für soziale Folgekosten 1831

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Joseph Friedmann war bis zu seinem Wegzug nach München Barnos  der jüdischen Gemeinde in Ellingen.
Joseph Friedmann gehört zu den noch mit einem Schutzbrief vom 30. Juni 1795 privilegierten Schutzjuden des Deutschen Ordens, bevor dessen Landesherrschaft nach der militärischen Eroberung Ellingens durch Preußen am 6.Januar 1797 (Brandenburgische Usurpation in Franken) unterging, dem Orden aber zur Wahrung des Scheines einer gewissen Rechtsstaatlichkeit eine reine Gutsherrschaft zugestanden worden wr.
Dies ist keine nostalgische, konservative Bemerkung, sondern diese machtpolitische Verschiebung hatte bittere finanzielle Konsequenzen für die Ellinger Juden (vgl. Beitrag zur doppelten Schutzgeldzahlung 1803).
Friedmanns Matrikel hatte im Rezatkreis die Nr. 2229. Er hat diese „Schutzstelle“ wie es im noch immer reaktionären Sprachgebrauch des Beamten heißt, der den Übergang auf einen Nachfolger 1831 beurkundet hat, mit „Schutzbrief“ (den es eigentlich gar nicht mehr gab, aber trotzdem als „Ministerial-Rescript“ beim Matrikelwechsel Rechtsgrundlage ist) an einen Benjamin Simon Schuelein verkauft und abgetreten und zwar samt dem rechts abgebildeten Haus.
Schuelein, ein „Schnittwarenhändler“, war von seiner Profession weit weniger „weltläufig“ als Joseph Friedmann.
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Joseph Friedmann ist am 17. Februar 1758 in Chadmosoff, Gerichtsbezirk Prag als Joseph Wisels oder Weisels/Weiseles geboren. Er bereitete seine Ansässigmachung durch Hauserwerb am 15. September 1794 vor und erhielt dann einen Schutzbrief des Deutschen Ordens von 1795 und wurde durch diesen in der Matrikel des Rezatkreises nach 1813 als Handelsmann (offizielle Gewerbebezeichnung) für den Wollhandel und den Handel mit Potasche zugelassen. Das bedeutet eine wohl recht erfolgreiche Aktivität im wirklich überregionalen Handel. Das in der Matrikel nachrangig genannte Geschäft mit der Potasche war höchst wahrscheinlich sogar das wirtschaftlich interessantere.

Als Barnos nahm Joseph Friedmann den Platz 1 auf der Matrikel ein. Seine soziale und damit wohl auch wirtschaftlich dominante Stellung in der Ellinger Judenschaft  wird dadurch jedenfalls unterstrichen.
Die jüdischen Familien wurden naturgemäß nicht in den Kirchenbüchern der christlichen Konfessionen aufgezeichnet. Die staatlichen Standesämter mit ihren Registern waren noch nicht eingerichtet.
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 Joseph Friedmann hatte nach den folgenden Schriftstücken jedenfalls drei Söhne, die als Elementarlehrer (= staatlich zugelassener jüdischer Lehrer an einer staatlichen Grundschule in Schnaittach (siehe Judenedikt 1813), als Tapetenfabrikant in München oder als Medizinstudent in München, als von hervorragender Intelligenz, Bildung und Flexibilität bezeichnet werden können. Der Medizinstudent legte sogar ein Spitzenexamen ab. (Zeitungsausschnitt aus www.alemannia-judaica.de)

 

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Er hatte nach den Unterlagen mindestens drei Töchter ( bei einer Verheirateten in München wohnte er, zwei waren 1833 noch unverheiratet, von evtl. dazwischen noch verheirateten Töchtern lässt sich aus den Schriftstücken nichts ableiten). Sein Anwalt aus Weißenburg bezeichnet ihn 1833 immer noch als erfolgreich von München aus operierenden jüdischen Händler, was die Über-Regionalität seines Geschäftes indirekt bestätigt.

Joseph Friedmann war so einige Jahre als Vorstand der israelitischen Gemeinde in Ellingen sehr konkret engagiert, was sich z. B. aus der auf dieser Site dargestellten Akte Wolf ergibt.Seine Schenkung von Paramenten an die Ellinger Synagoge anlässlich seines Wegzuges ist nicht nur genau auf einem Protokollblatt dokumentiert, nein, es befindet sich in dieser Akte sogar noch eine Rücklieferungsquittung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs München auf Grund einer Ellinger historischen Recherche aus dem Jahr 1943. Weshalb diese einen Umweg über München nehmen musste, ist vielleicht eine eigene Recherche wert.
Diese eine hier veröffentlichte Akte von mehreren zeigt sehr konzentriert die damalige politische, rechtliche und wirtschaftliche Situation der fränkischen Juden auf.
Joseph Friedmann hatte es geschafft, sich und seine Familie in Bayern nachhaltig zu etablieren und hat um das Jahr 1833 herum konsequent die ihm angetanen Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen aufgearbeitet. Die ihm zugemuteten Benachteiligungen waren wirtschaftlich schwerwiegend und im Sinne des Judenediktes von 1813 inkonsequent und demütigend.

Unter den ersten jüdischen Studenten der Medizin in München war Siegwart Friedmann aus Ellingen. Er wird in der Ausgabe der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" am 19. Juli 1838 lobend erwähnt: "München, 1.Juli (1838). Bei der am 26. vorigen Monats stattgefundenen Feier des Stiftungstages der Ludwig-Maximilians-Universität wurde von der medizinischen Fakultät einem jüdischen Kandidaten unter sechs Bewerbern der Preis für die glückliche Lösung einer sehr schwierigen Aufgabe zuerkannt, ein anderer jüdischer Kandidat rühmlichster Erwähnung wert geachtet. Die amen dieser beiden strebsamen Jünglinge sind: Siegmund Feldmann von hier und Siegwart Friedmann aus Ellingen. - So bewährt es sich immer mehr, dass auch in Bayern den jüdischen Jünglingen Ernst ist in jedem Fache, das sie ergreifen, und dass sie mit allem Fleiße dem Berufe obliegen, den sie gewählt haben." 

Einen echten finanziellen Vorteil aus den ihm aufgezwungenen Auflagen hatte bezeichnenderweise aber nicht die Stadt Ellingen, sondern ein Mitglied der jüdischen Gemeinde, sein Matrikelnachfolger, mit dem sich die Gemeinde aber solidarisiert hatte. Bares Geld im Ort war vernünftiger Weise in deren Augen wichtiger als eine Rückzahlung hoher Summen an jemanden, der zwar einst Vorsteher der Gemeinde war, jetzt aber in München wohnte.
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Joseph Friedmann zog diese Auseinandersetzung konsequent durch drei, ja eigentlich vier Instanzen zum Erfolg.
Eine eigene Verwaltungsgerichtsbarkeit gibt es in Deutschland erst seit der Einführung des Grundgesetzes nach dem Zweiten Weltkrieg. Verwaltung und „Gerichtsbarkeit“ lagen weitgehend in einer Hand. Doch galt der Grundsatz der strikten Rechtmäßigkeit hoheitlichen Verwaltens, der durch die strenge religiöse Prägung der Gesellschaft nicht nur Verfassungsrang hatte, sondern auch den Souverän selbst, den bayerischen König, noch überrechtlich band.

Das „Judenedikt“ von 1813 hatte auf Grund der Idee, dass alle anerkannten Staatsbürger, egal welcher Konfession ( das Problem liegt im Begriff des „anerkannten“ Staatsbürgers) gleich seien, nicht nur die Residenzpflicht der Schutzjuden aufgehoben, sondern auch den Besitz eines Matrikelplatzes (= Matrikelnummer) zum privilegierten  Status erhoben, der wie heute Umweltverschmutzungslizenzen frei handelbar war.
Der Wert eines Matrikelplatzes im Sinne eines verbrieften Wertpapieres stieg innerhalb weniger Jahre  erheblich. Das Edikt von 1813 selbst beschrieb die Ausnahmen vom staatlichen Ziel der Reduzierung anerkannter Juden deutlich:
-Erwerb eines wirtschaftlich tragfähigen landwirtschaftlichen Betriebes
-Erwerb des Meisterbriefes eines handwerklichen Berufs
-Gründung einer Fabrik- wie durch den zweiten Sohn Friedmanns.

Der Brief auf die Matrikelstelle des alten Gemeindevorstehers Friedmann war in der familiären Situation ein kostbares Wertpapier.
Friedmann konnte ohne eigene Matrikelstelle im Haushalt seines Schwiegersohnes in München als „Austrägler“ sorglos leben. Als dessen Familienangehöriger konnte er eigene Geschäfte weiter treiben.
In Ellingen dagegen gab es eigentlich zu wenig Matrikeljuden, um die Umlagen des Kultusgemeinde ohne Überforderung der Gemeindemitglieder zu bezahlen. Ein Matrikelplatz war in Ellingen für einen jungen Juden endlich die Gelegenheit, heiraten zu können, eine Gewerbezulassung zu erhalten und Vermögen aufzubauen.
Das erklärt die wirtschaftlich sinnvolle Vorgehensweise Friedmanns. Er machte seine örtliche Position, die seine überregionale Tätigkeit eigentlich nicht beeinträchtigte, zu Geld.
Er verkaufte zu einem heute unbekannten Preis seinen Matrikelplatz und sein Haus an Benjamin Schielein und verzog nach München. Sein Schwiegersohn nahm ihn dazu gegen Garantie seiner Versorgungskosten in seinen Haushalt auf.
Einen Teil des Kaufpreises musste der Käufer jedoch nicht sofort bezahlen, sondern wurde als Darlehen gestundet und als Hypothek im Grundbuch eingetragen. Diese Hypothek hatte nach dem Text der Urkunden nur die zweite Rangstelle.
Der Käufer Schielein musste demnach in unbekannter Höhe zunächst eine Anzahlung an Friedmann finanzieren und dafür eine voll belastete Sicherheit stellen. Auf Platz zwei folgt dann eine Sicherheitsleistung in Höhe von 500 fl. als Absicherung der nach Recht und Gesetz gar nicht existierender politischer Judengemeinde für soziale Folgekosten, die es eigentlich seit 1813 nicht mehr gab. Die Hypothek sollte also die Haftung der christlichen Stadt Ellingen für Mitglieder der jüdischen Korporation im Falle der Bedürftigkeit der Joseph Friedmanns abdecken, obwohl das Edikt von 1813 genau diese Form einer jüdischen Korporation bereits aufgehoben und einen einheitlichen Gemeindebürger kreiert hatte.
Friedmann verlangt nun 1833 von der Stadt Ellingen die Freigabe der als Sicherheit auf dem Haus Schuelein eingetragenen Hypothek über 500 fl. zu seinen Gunsten, damit er von diesem als Matrikelnachfolger diese Summe beitreiben und als Aussteuer für die Hochzeit seiner Töchter verwenden konnte.

Ausgerechnet d
ie jüdische Gemeinde widersprach dem Wunsch einhellig ausdrücklich mit dem durch das Edikt eigentlich nicht mehr gültigen Argument, er habe das Ende der sozialen Haftung der Ellinger Gemeinde im Falle des Eintretens materieller Not nicht endgültig bewiesen.

Die Stadt Ellingen gab unter Verweis auf diese Stellungnahme der Ellinger Juden die Hypothek nicht frei. Selbst die ein Jahr später für Friedmann günstige Entscheidung der vierten Instanz stellt eigentlich verfassungswidrig (es ist ein „Edikt“) noch darauf ab, dass ja eigentlich die jüdische Gemeinde eventuell zustimmen hätte müssen.

Die Akte