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Das Recht auf Freizügigkeit des Josef Wolf 1824
und seine Zahlungsverweigerung gegenüber der Ellinger Judengemeinde
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 Joseph Wolf verteidigte zäh und erfolgreich seine Matrikelstelle in Ellingen. Ob er sich letztendlich auch erfolgreich gegen die finanziellen Forderungen der Ellinger Juden wehren konnte, ist den bisher aufgefundenen Akten nicht zu entnehmen.  Auch nicht, ob er sich aus Egoismus oder einfach nur aus wirtschaftlicher Not gewehrt hat.
Für letzteres spricht zum einen sein Vergleichsangebot, zum anderen der Inhalt seines Matrikeleintrages.
Für ersteres aber die Tatsache, dass er brilliant argumentiert und zum anderen sein perfektes, eigenhändiges Schriftdeutsch. Er ist entgegen dem vordergründigen Schein seiner einfachen Berufsangabe in der Matrikel wohl ein selbstbewusster Bildungsmensch, der sich vor der Öffentlichkeit bedeckt hält.

Geboren 1769 und in Ellingen 1806 unter Schutz genommen, wird er im Rezatkreis unter der Nummer 2238, in Ellingen unter der Nummer 10 matrikuliert mit der Qualifizierung „Woll- und Schacherhandel, domiliziert in Eichstätt, ist aber dortselbst nur toleriert“. Nach der Ellinger Ortsmatrikel ist er 1833 gestorben. Seine Matrikelstelle erhielt der Lehrer und Vorsänger Jakob Sicher am 19. August 1833. Eine befriedigende Lösung für die Ellinger Judenschaft war das sicherlich nicht, wenn ihr Angestellter die Matrikelstelle eines zahlenden Arbeitgebers übernommen hat.
Der Wollhandel musste bei den Bauern vor Ort stattfinden und war wohl sehr erträglich-zumindest wenn der Schaffellhandel mit stattfand. Selbst heute ist dieses Geschäft in der Schafe-armen Gegenwart zwar fast unbekannt, für die wenigen Marktteilnehmer aber höchst erträglich. Dass er dabei die Erlaubnis hatte, zu schachern, zu hausieren, war allenfalls ein angenehmes Zubrot.

Joseph Wolf pochte strikt auf die Rechte, die ihm das Edikt von 1813 tatsächlich als Neuerung einräumt. Er besetzte eine Ellinger Matrikelstelle ohne dort zu leben und eroberte von dort aus seine Welt. Mit der Stelle war die Freizügigkeit im gesamten Bayerischen Königreich verbunden. Dazu gehörte auch das Recht, in ganz Bayern ein Gewerbe auszuüben und Grundbesitz zu erwerben. Er musste nicht mehr wie als Schutzjude alten Rechts in Ellingen „domizilieren“, also wohnen. Auch sein „Finanzamt“ bleibt in Ansbach, obwohl Eichstätt in diesem Punkt zu Altbayern gehörte. Heute nennt man das einen „ersten Wohnsitz“. Sein „zweiter Wohnsitz“ war Eichstätt, der tatsächlich sein Lebensmittelpunkt war.
Heute kann man seinen ersten Wohnsitz nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch in der gesamten Europäischen Union jederzeit frei wechseln. Als Matrikeljude konnte man das ohne Erlaubnis gar nicht, ohne sozial fast rechtlos unter das „Fahrende Volk“ abzustürzen. Wegen der Deckelung der Matrikelplätze war ein Wechsel des Matrikelortes praktisch ausgeschlossen. Auch der „zweite Wohnsitz“ war nur innerhalb des Königreichs Bayern frei wählbar.
Joseph Wolf hatte sich auch nicht aus seinem religiösen Judentum verabschiedet. Er legte Wert, darauf, dass er die Schule in Pappenheim besucht und dorthin auch „zinst“ also seine Gemeindebeiträge und Umlagen dorthin zahlt, weil Pappenheim einfach näher an Eichstätt liege als Ellingen.
Auch heute noch gibt es eine ganze Palette von finanziellen Belastungen, die teils dem ersten, teils dem zweiten Wohnsitz zugeordnet werden. So ist zum Beispiel die Einkommenssteuer oder die Umsatzsteuer am Finanzamt des ersten Wohnsitzes, die Gewerbesteuer vielleicht am Zweitwohnsitz zu bezahlen. Auch gibt es heute oft die „Zweitwohnsitzsteuer“.
Der Streit geht also im Grundsatz darum, ob - nach heutigem Verständnis - die jüdische Kirchensteuer am Erstwohnsitz zu bezahlen ist oder an die Gemeinde, in der man tatsächlich aktiv ist.

Joseph Wolf denkt außerdem auch noch in anderen Punkten ziemlich modern, auch wenn er diese Argumente nur als zweite Verteidigungslinie aufbaut:
Er bestreitet zunächst die Ermächtigungsgrundlage der jüdischen Gemeinde, ihn mit bestimmten Umlagen zu belasten. Er habe ja schließlich niemals selbst eine vertragliche Vereinbarung unterschrieben, wonach er sich an der Rente der Witwe des letzen Vorsängers und am Gehalt des jetzigen beteiligen würde. Die jüdische Gemeinde argumentiert dagegen, sie sei gerichtlich zur Zahlung der Rente verpflichtet worden. Der Ellinger Stadtmagistrat versucht dagegenzuhalten, dass es nach dem Edikt von 1813 keine politische jüdische Gemeinde gebe, sondern das überkonfessionelle politische Gebilde „Stadt Ellingen“, das bei verweigerter Umlagezahlung durchaus mit einer „Exmatrikulation“ reagieren dürfe. Die Idee ist nicht schlecht, doch oblag zwar die „Immatrikulation“ der kommunalen Ebene als staatlich delegierter Aufgabe, nicht jedoch ihr Gegenteil, die "Exmatrikulation".
Als nächstes differenziert er nach Steuern und Gebühren. Steuern treffen auch im heutigen Staatsrecht jeden. Beiträge aber nur denjenigen, der dafür eine Gegenleistung erhält. Wolf erklärt, dass er weder Haupt- noch Nebenleistungen des Vorsängers oder des Schächters in Anspruch nehme, und deshalb nicht gebührenpflichtig sei.
Schließlich weigert er sich, die ihm zugeordnete Anzahl von „Platten“ einzulegen. Der Begriff scheint eine regionale Bezeichnung für das alternativ verwendete „Billet“ zu sein, ein Quittungszettel für den Anteil der Übernachtungskosten der Armenkasse für Durchreisende. Es irritiert allerdings die Aufteilung in „Samstags (Sabbats)Platten“ und „Werktagsplatten“.
Er verweist hierzu auf den Gleichbehandlungsgrundsatz und kann seine Quote im Verhältnis der wirtschaftlichen Lage namentlich aufgezählter Ellinger Gemeindemitglieder angeblich nicht verstehen.
Gerade die von der jüdischen Gemeinde vorgenommene Einstufung lässt aber vermuten, dass dieser Branchenkenntnisse zu Grunde lagen, wodurch die oben vorgenommene Einschätzung der Person Wolfs noch einmal unterlegt wird. Den Entlastungsbeweis für ein niedrigeres Einkommen hätte er aber selbst führen müssen.

Dem Standpunkt Wolfs steht das existenzielle Interesse der Ellinger Juden gegenüber, ihre Kultusgemeinde wirtschaftlich und religiös aufrecht erhalten zu können. 

Das Matrikeledikt von 1813 bestimmt, dass die Zahl der Matrikeljuden grundsätzlich auf die Zahl der früheren Schutzjuden zu begrenzen ist und diese Zahl nach Möglichkeit noch zu vermindern ist. Die zulässigen Ausnahmen sind mit höchsten Hürden verbunden.

Es ist für die sehr kleine Ellinger Kultusgemeinde überlebenswichtig, dass sich möglichst alle der 11 registrierten Haushaltsvorstände an den Umlagen beteiligen. Der Ausfall von ein, zwei oder gar drei Umlage-Zahlern kann den Ruin der Gemeinde bedeuten.
Außerdem setzen bestimmte religiöse Andachten die Mindestanzahl von zehn männlichen volljährigen Gemeindemitgliedern voraus. Die Ellinger jüdische Gemeinde hatte nie mehr als 62 Mitglieder, die Untergrenze lag bei 38 Personen. Nimmt man zur Hälfte Frauen an, bleiben 31 oder 19 männliche Personen. Nach Abzug eines Drittels an Minderjährigen bleiben 20 oder gar nur 12 Männer. Neuburger und Wolf lebten gar nicht in Ellingen. Es war also knapp.
Das Interesse der örtlichen Gemeinde in diesem Fall, mehr noch als auf Bezahlung der Umlagen, auf eine Weitergabe der Matrikelstelle an einen Ortsansässigen zu drängen, ist erklärlich.

Der Übergang der Matrikelstelle auf den angestellten Lehrer statt auf einen Umlagenzahler wurde bereits oben kommentiert. Man könnte also legitim fragen, ob die Anzahl der Söhne, die er der Gemeinde bereitstellen konnte, um die Zahl Zehn für die Durchführbarkeit bestimmter Gottesdienste sicherzustellen, Grund für den Übergang der Matrikelstelle an ihn statt an einen Auswärtigen war.

Die Akten