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Der Hauskauf des Joel Flesch 1822
- ein Versuch, § 13, Zi 3 des Judenediktes von 1813 zu umgehen

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Joel Flesch übernahm 1824 die Matrikelstelle seines Vaters. Zwei Jahre vorher versuchte er, über den Erwerb eines Hauses als Grundeigentümer einen neue Matrikelstelle nach § 13 des Judenedikts von 1833 zu erreichen. Das hätte für die Familie eine zweite, wirtschaftlich wertvolle Matrikelstelle bedeutet. Auch die jüdische Kultusgemeinde hätte davon profitiert, weil ein weiterer Umlagenzahler zur Gemeinde gestoßen wäre. Er scheiterte zwangsläufig an dem Wortlaut des Ediktes selbst und speziell am Rechtsverständnis der Regierung des Rezatkreises, die das Edikt sehr eng auslegte.
Hier wird die nicht ganz unbegründete Unterstellung dokumentiert, dass über den Erwerb eines Gebäudes ohne dazugehörige Grundstücke, die ein Leben des Erwerbers als Landwirt ermöglicht hätten, eine Matrikelstelle gem. § 13 Zi. 3 des Edikts von 1813 erworben werden sollte.

Ein günstig aus einer „Gant“, also einer Insolvenz, erworbenes Haus ohne zugehörige landwirtschaftliche Nutzflächen konnte 1822 wohl noch als kalkulierbare Chance gelten, durch günstige Auslegung des Ediktes als Hauseigentümer eine Matrikelstelle zu erhalten. Voraussetzung ist dabei eine Vermengung der Rechtsinstitute einer "Aufenthaltserlaubnis" und eines "Bürgerrechts". Um ein grundstück zu erwerben, musste man ein "Bürgerrecht", eine Matrikelstelle besitzen. Hier wird versucht, über einen Versteigerungszuschlag einem Juden ohne Matrikelstelle Grundeigentum zu verschaffen, um über eine überraschende Ausnahme von der Regel eine "Überhangstelle" zu erhalten.
Hier wird sehr differenziert agiert. Ein Zuschlag in einer amtlichen Verwertung musste nicht zwangsläufig dinglich für denjenigen erfolgen, der das Gebot abgab.

Der Erwerber, Moises Hirsch Berolzheimer aus Gunzenhausen wurde offensichtlich als Strohmann vorgeschoben, weil er als immatrikulierter Jude im Gegensatz zum nicht matrikulierten Joel auch für ein Haus ohne Landwirtschaft grunderwerbsberechtigt war.
Das zeigt die sehr kurze Zeit vom 29. Dezember bis 31. Dezember 1822 zwischen dem erfolgten Zuschlag an Hirsch Berolzheimer und der Benennung Joel Fleschs. Er hatte - schon um Grunderwerbssteuern zu sparen - ganz offen angegeben, das Gebot für sich oder einen noch unbenannten Dritten abgegeben zu haben, und hatte den Zuschlag auch nur unter dem Vorbehalt erhalten, innerhalb angemessener Zeit einen jüdischen Miterwerber zu benennen, der in irgend einer Form erwerbsberechtigt war. Das konnte ein registrierter Matrikeljude sein oder einer, der gerade dabei war, einen solchen Status durch Erwerb einer landwirtschaftlichen Existenzgrundlage zu erhalten. Die Folge einer Nichtbenennung eines Anderen bleibt in der Akte unklar: Eigener Erwerb unter Tragung der Kosten oder Unwirksamkeit des Erwerbs.
Dass diese Versuche ganz allgemein noch bis 1827 Praxis waren, zeigt der Inhalt der hier veröffentlichten Verfügung der Regierung des Rezatkreises vom 8 Mai 1827 - unter anderem auch zu diesem Thema.

Der „Gantner“ war Abraham Veist, ein Händler für Schnittwaren und Getreide, der am 8. Oktober 1808 seine Schutzstelle erhalten hatte. Seine Witwe Rosalia behielt diese Matrikelstelle trotz der Insolvenz des Mannes oder auch ihrer Nachlassinsolvenz bis zum 18. August 1829, als sie diese an Lippmann Lazarus Neuburger aus Weimersheim, geb. 1796, einen tatsächlichen Landwirt, abgab. Berolzheimer bezeichnet ihre Tochter als Braut des Joel Flesch. 1850 ist Joel Flesch als ehemann der in der Zwischenzeit einmal verwitwten Tochter dann als Eigentümer dieses Hauses, heute Pleinfelder Str. 24, eingetragen.


Einen Juden mit Immobilien - Eigentum später auf dem Weg einer faktischen Enteignung aus der Gemeinde entfernen zu können, galt damals schon rechtlich als ziemlich unmöglich. Man wollte den Anfängen wehren. Die Rechtsbehauptung des Erwerbs eines Hauses bei einer Versteigerung „zur gesamten Hand“ ist auch noch nach dem heutigen Recht sehr problematisch. Schon aus Gründen der Grunderwerbssteuer des Jahres 2008 schauen auch die Behörden der Bundesrepublik Deutschland noch heute sehr kritisch auf solche Erwerbsbehauptungen.

Der Wortlaut des folgenden Textes zeigt den weiterhin reaktionären Sprachgebrauch der Behörden, die nach mindestens 9 Jahren einer rechtlichen Statusveränderung durch das Edikt von 1813 immer noch meinen, es mit einem „Schutzjuden“ oder mit Menschen „mit“ oder „ohne Schutz“ zu tun zu haben, also einem Menschen ohne die im Edikt von 1813 eingeräumten staatsbürgerlichen Gleichstellung eines Matrikeljuden. Daran sollte sich bis 1861 faktisch gar nichts, und in den Köpfen bis heute (2008) wenig ändern.
Als sich Joel Flesch über einen Ansbacher Advocaten zu wehren beginnt, wir aus dem „Judensohn“ im Schriftverkehr sofort der „Judenpursche“.

Die aus einer solchen Vorprägung resultierenden Fehlbeurteilungen der rechtlichen Lage einerseits durch die Stadt Ellingen und das Fürstlich von Wrede´schen Herrschaftsgerichts Ellingen andererseits bis zu dessen Abschaffung auf Grund der Revolution von 1848 tauchen immer wieder auf, auch dann unter Fortführung der Gerichtsbarkeit durch ein „Königliches Landgericht“.  In diesem Falle hier stehen die Entscheidungen des Herrschaftsgerichts Ellingen und der Regierung des Rezatkreises aber auf gesicherter gesetzlicher Grundlage.
Erst die Abschaffung der Matrikelparagraphen 1861 änderte etwas an der Rechtsstruktur, nicht aber am Denken, wie das Schicksal des Juden Neuburgers in Ellingen in der Zeit danach belegt (siehe Beitrag). Sympathisch klingt von Seiten des Herrschaftsgerichts die Entschuldigung, warum es bis zu einer ersten Entscheidung fast vier Monate gedauert hat. Heutzutage ist das keine Entschuldigung mehr wert.

Die Akten zeigen aber auch, dass Joel Flesch menschlich nachvollziehbar verbissen um die Chance einer Existenzgründung und Verehelichung kämpft. Er wird in kleinen Formulierungen des Behördenschriftwechsels erkennbar als „amtsbekannt“ charakterisiert.
Sein Vater taucht interessanter Weise in diesem Schriftwechsel nicht einmal dann auf, wenn es nur um die Bekanntgabe der jeweiligen Entschließung geht, obwohl es ja auch um die gesicherte Unterbringung der von Berolzheimer so benannten Braut seines Sohnes geht.
Die Unterschrift von Flesch Vater kennen wir aber sehr wohl, wenn es um die Veröffentlichung von Entscheidungen geht, die die jüdische Gemeinde in diversen Verfahren als Ganzes betreffen.
Entweder wurde in der Verwaltung sehr genau nach Aktiv- und Passivlegitimation getrennt, oder der junge Mann war sehr eigenmächtig und für die damalige Zeit bemerkenswert weit aus der Familienstruktur heraus emanzipiert.
Wir haben es bei der folgenden, im Stadtarchiv Ellingen befindlichen Akte nicht mit einer Akte des Stadtmagistrats zu tun, sondern mit einem Original des Herrschaftsgerichts. Bei welcher Statusveränderung der Ellinger Gerichtsbarkeit die Akten an uns gekommen sind, mag von anderen untersucht werden.