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Heute kommen immer wieder Nachkommen der Ellinger Juden aus Anlass einer Europa- oder Israel-Reise durch Ellingen und werden nach Möglichkeit von Mitgliedern unseres Freundeskreises informiert, in welchen Häusern ihre Vorfahren lebten. Sie nehmen auch gerne Abzüge historischer Photos mit. Sie sind häufig überrascht, dass auch jüngere Ellinger ihre Familien zumindest dem Namen nach noch kennen.
Sie besuchen dann in der Regel die Judenfriedhöfe in Treuchtlingen, Pappenheim oder Georgensgmünd, wo die Gräber ihrer Vorfahren zu ihrer Überraschung noch immer gepflegt werden.

Einen Bericht über die Fruchtbarkeit solcher Begegnungen gibt im Folgenden Manfred Specht.
Es würde uns freuen, wenn wir über diese Plattform einen langfristigen Dialog mit den Familien unserer ehemaligen Mitbürger und auch einen Kontakt unter diesen Familien herstellen könnten. Die technischen Voraussetzugen für ein eigenes Forum dieser Familien können wir bei Bedarf schaffen - auch mit der Möglichkeit vertraulicher Dialoge.

Unsere Mail-Adresse: info@juden-in-ellingen.de

Das Gesprächsinteresse auch an heiklen Themen und der Informationshunger sind auf beiden Seiten bemerkenswert groß. Vorbehalte unserer Gäste uns gegenüber sind selten. Allerdings wirken die Vorstellungen über die ferne und nahe Vergangenheit zumindest im höflichen Gespräch auf beiden Seiten oft wenig ausgereift. Das ermunterte uns, durch unsere Site, die Austellung über das jüdische Leben in Ellingen und eine gedruckte Information diese Defizite ein Stück weit abzubauen. Es ist eine schwer zu beantwortende Frage, welche Dokumente, Begriffe und Definitionen gerade aus der Zeit des Dritten Reiches verwendet und veröffentlicht werden sollen. "Reichskristallnacht" transportiert den Zynismus der Mörder. "Pogromnacht" schont die Gefühle der Opfer. Auf welcher Ebene soll also Information stattfinden?

1933 bereits wurden Häuser und Geschäfte in Ellingen von Juden verkauft. Geschah das unter dem Zwang, der 1938 herrschte? Die Wiedergutmachungsbehörden und -gerichte haben auch für Verkäufe aus dem Jahr 1933 Zeit Entschädigungen festgesetzt. Ähnlich lange Zeiten einer anerkannten Pression gilt in Deutschland für den Verkauf von Immobilien von DDR - Bürgern. Muss ich dann nicht auch auf der Home-Page Berichte aus dem Nazi-Schandblatt "Der Stürmer" über Ellingen vorlegen, um die Berechtigung von Entschädigungszahlungen aus dieser Zeit darzustellen? Oder schone ich die Gefühle der Betroffenen und setze den dumpfen Tönen aus der rechten Ecke unseres Deutschlands nur in der Ausstellung oder der gedruckten Dokumentation konkrete Beispiele entgegen?

Das Jüdische Museum in Berlin interessierte sich ab Jahresende 2006 für die Blütezeit des Judentums im Barock und hat Ellingen ab dem Frühjahr 2008 einen Platz in seiner Dauerausstellung gewidmet.

Und auch diese Site hat ihre Helfer aus dem Umfeld der jüdischen Kultusgemeinde Augsburg gefunden, wofür ich mich auf das Herzlichste bedanke.

       

Begegnungen

Manfred Specht, geb. 1936, hat sein Leben als gebürtiger Ellinger immer mitten in der Stadt gelebt, wo er eine Bäckerei mit einem kleinen Cafe betreibt. Er ist so und auch als Vorsitzender des Freundeskreises Barockstadt Ellingen e.V. für viele Besucher Ellingens ein bevorzugter Ansprechpartner. Er erzählt:
Im Mai 1972 hielt ein Taxi mit Münchener Nummer vor unserem Haus. Ich war gerade mit meiner Frau im Laden unserer Bäckerei. Eine mir unbekannte ältere Dame stieg aus dem Auto und kam in unser Geschäft.
Sie sagte nach einigem Umsehen zu mir: „Sie sehen aber ganz der Mutter ähnlich. Sie fragte weiter, ob meine Mutter noch lebt und ob sie meine Mutter besuchen könne. Da fragte ich zurück, wen ich vorstellen dürfe. Freundlich erklärte sie mir, sie sei eine frühere Freundin von ihr und sie wolle ihren Namen noch nicht sagen. Das erzählte ich meiner Mutter, die mich  nach kurzem Überlegen bat, die Dame zu ihr vorzulassen. Als sie meine Mutter sah, sagte sie: Klara, kennst Du mich noch? Meine Mutter erinnerte sich nicht mehr. Die Dame lächelte und meinte, nach 35 Jahren sei das verständlich. Sie sei die Nachbarin Berta Bermann, verheiratete Richard. Ich bat dann ihren Mann ins Haus und wir unterhielten uns in lustiger Kaffeerunde über die alten Zeiten.
Sie erzählten von ihrer Flucht 1937 aus Ellingen. Sie seien unversehrt in New York angekommen. Nunmehr hatten sie sich zu einem Besuch in „Old Germany“ entschlossen und es gehe ihnen altersentsprechend gut. Sie waren nach Tel Aviv in Israel geflogen, hätten viele Freunde getroffen und nach einer Woche nach München weitergereist. Sie hätten sich mit einem Taxi nach Bechhofen bei Altenmuhr fahren lassen und dort die Gräber ihrer Eltern besucht und gefunden. Sie wären noch in gutem Zustand und sie hätten sich darüber sehr gefreut. Sie hatten noch einen Rabbi als Begleiter, der mit Hut und langem Bart im Auto wartete. Über München flogen sie zurück nach Amerka.
Sie hatten auch meiner Oma im Jahr 1946 mit einem Care-Paket voller guter Lebensmittel zum 80. Geburtstag mit netten Grüßen gratuliert. Solche Gesten waren in dieser Zeit etwas Besonderes.

Im Sommer 2002 kam ein Herr in unseren Laden und fragte nach einem Wohnhaus in unserer Straße. Deshalb holte mich unsere Verkäuferin aus der Backstube.  Nach kurzem Gruß zeigte mir der Herr ein Foto. Ich erkannte das Haus darauf und fragte deshalb sogleich direkt: „Sind Sie Herr Reinemund?“.
Der Herr erschrak direkt und wurde etwas blass. Er bestätigte, dass er Georg Reinemund sei. Ich bat ihn an einen Tisch in unserem Cafe und wir unterhielten uns in einer Mischung aus englischer und deutscher Sprache.
Er erzählte, er sei mit seinem Vater, der in Nürnberg Rechtsanwalt war, mit fünf und sechs Jahren immer wieder zu Opa und Oma mit dem Zug nach Ellingen gefahren, wo er sich an große Gebäude in der Straße erinnern könne.
Seine Eltern, Geschwister und die Tante-eine Schwester des Vaters- und er seien 1938 nach Amerika ausgewandert.
Die Tante hatte einen Koffer in der Wohnung, den niemand aufsperren und besichtigen durfte. Als sie starb, wurde der Koffer geöffnet und zu aller Überraschung waren lauter Andenken und Bilder aus der alten Heimat darinnen. Auch in ihm wurden Erinnerungen wach und er nahm sich vor, wenn er einmal in Rente sei, in die alte Heimat und nach Ellingen zu fahren.
Er sei nun nach „old Germany“ über Frankfurt nach Nürnberg geflogen. Von dort fuhr er nach einigen Tagen mit dem Auto nach Ellingen und parkte vor dem Schloss, weil er wieder hierher finden würde. An der Kasse am Eingang fragte er den Schlossverwalter Jentsch, an wen er sich wenden könne. Er komme aus Amerika und wolle Ellingen besuchen. So wurde er zur Bäckerei Specht gewiesen. Er spazierte los, sah nach einigen Schritten den Pfarrkirchturm und ging durch die Neue Gasse, dort die Treppen hinauf durch den alten Friedhof zur Weißenburger Straße.
Ohne es zu erkennen, ging er am Haus seines Großvaters vorbei Richtung Rathaus und beschloss dann, einige Häuser weiter sich beim Friseur die Haare schneiden zu lassen.  Vom Friseur Rolf Kästl erfuhr er so einiges über Ellingen und wurde auch von diesem in meine Bäckerei verwiesen. So kam es zu unserer Begegnung.
Ich telefonierte den damaligen Vorsitzenden unseres Freundeskreises, Tierarzt Bruno Buff und Werner Hemmeter herbei. Nach einem langen Gespräch über Ellingen während und nach dem Krieg wechselten wir in das Stadtarchiv über, wo wir zusammen mit dem damaligen Stadtarchivar Berger Dokumente und Urkunden über jüdische Familien studierten, die bis zu ihrer Abwanderung 1938 in Ellingen wohnten. Herr Reinemund kannte einige Familiennamen und konnte uns von einigen Auskunft über den Verbleib, ihre Flucht oder Vernichtung geben. Persönlich kannte er diese Personen fast nicht, weil er in Nürnberg gelebt hatte und in den 30er Jahren selbst noch ein Kind war. Er erzählte, sein Großvater habe 1927 die jüdische Gemeinde in Weimersheim aufgelöst und das Inventar des Gebetshauses zu dem Judenlehrer nach Ellingen in die Synagoge gebracht. Das Haus in Weimersheim habe er verkauft mit der Auflage, keinen Schweinestall daraus zu machen. Genau dies sei aber geschehen. Der Rabbi für die Ellinger Synagoge sei immer aus Treuchtlingen gekommen.
Der Großvater habe sich das Haus, das auf dem Bild war, gekauft, Weißenburger Str.23. Opa und Oma lebten bis zum Tod der Oma 1934 in Ellingen, Opa zog zu seiner Familie nach Nürnberg. Das Haus wurde verkauft an Ernst Schlund. Familie Reinemund verließ schließlich 1938 Nürnberg und floh aus Deutschland.
Georg Reinemund hielt sich 3 Tage in Ellingen auf und besichtigte u.a. auch den ehemaligen Betsaal im Römischen Kaiser, auch die ehemalige Synagoge in der neuen Gasse. Beim Abschied sagte er: „Ich hätte nie gedacht, dass ich nach über 60 Jahren solche Freunde und Aufnahme in Ellingen finde. Zuhause bei meinen Freunden werde ich aufräumen mit den Erzählungen von den bösen Deutschen“. Er bedankte sich für die herzliche Aufnahme und verließ uns Richtung New York. Fünf Jahre später erfuhren wir von seinem Ableben.
Einer seiner Enkel besuchte Ellingen erneut im Jahr 1999 auf der Durchreise nach Israel.
Erzählt und erlebt von
Manfred Specht

Anmerkung: Die Erzählung von Georg Reinemund ist die einzige Nachricht über den endgültigen Verbleib des Weimersheimer Betsaales. Tagebuchnotizen des Lehrers und ab 1802 Schultheißen Johann Leonhard Conrad von Weimersheim erwähnen eine Synagoge bis ca. 1770 im oberen Stockwerk der damaligen Hausnr. 69, heute Störzelbacher Str. 3, die dann in das Gartenhaus des Anwesens Hausnr. 11, heute Störzlbacher Str. 2 in Weimersheim. Die Fortschreibung des Tagebuches innerhalb der Familie teilt mit, dass diese Synagoge mit dem schrittweisen Wegzug der jüdischen Bevölkerung „verschwunden sei“. (Reiner Kammerl, Ulrike Pierl (Hrsg), Weimersheim um 1800. Die Welt des Johann Leonhard Conrad (1760-1748), Weißenburg 2008) Großvater Reinemund hat damals wohl mit dem Verkauf dieses, seines Hauses die vereinsamten Kultgegenstände nach Ellingen verbracht.