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Tierschutzverein und Schächten 1882
Eine zufällig entstandene Akte?
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Acta des Stadtmagistrats Ellingen
Betreff die Gründung eines Thierschutz-Vereines
in der Stadtgemeinde Ellingen 1882

Im Sommer 1882 entstanden im gesamten Deutschen Reich mehr oder weniger auf staatliche Anordnung Tierschutzvereine. Eine Antwort auf die Frage „Warum?“ habe ich bei einer summarischen Recherche nicht gefunden. Die örtlichen Gründungsmitglieder waren in der Regel Kommunale Verantwortungsträger. Aktivitäten lassen sich bis 1945 fast nirgendwo nachweisen. Das Durchsuchen der zahlreichen Internetseiten von Tierschutz- und daraus hervorgegangenen Tierheimvereinen gibt keine vereinsgeschichtlichen Begründungen. Der Tierschutzverein Braunschweig hat gerade noch die Jahreszahl 1882 im Namen. Die Site des Tierheim Erlangen e.V. schildert die Situation kurz und treffend:

„24.05.1882
Vereinsgründung unter Schirmherrschaft von König Ludwig von Bayern.
1882 – 1945
Unter dem Vorsitz einiger Bürgermeister und Amtstierärzte bestand der Verein ohne Unterbrechung weiter.“

Die Schirmherrschaft des Königs dokumentiert kein persönliches Interesse des Königs. Es handelte sich schließlich eine im ganzen Reich ablaufende Aktion.
Auch die Ellinger Vereinsakte enthält außer der recht direkten Aufforderung durch das Bezirksamt Weißenburg, den Verein zu gründen und die Gründungsmaßnahmen selbst keinerlei Hinweise auf eigene Aktivitäten. Die Gründungsmitglieder waren wie üblich die örtlichen Honoratioren vom Bürgermeister über den Apotheker zum Stadtpfarrer. 

Der Rest der Akte enthält nur noch Anweisungen zur Durchführung des Schlachtens und Schächtens und dazu den Hinweis auf einen Antrag des Tierschutzvereins Schwabach aus dem Jahr 1884. Dessen Internetauftritt ist aber ebenfalls geschichtslos.

Ich will nicht behaupten, dass die staatlich organisierte, flächendeckende Gründung von Tierschutzvereinen antisemitische Motive hatte. Dem Archivar der Stadt Ellingen wird womöglich auch kein besserer Platz zur Aufbewahrung der Anweisungen zum Schlachten und Schächten eingefallen sein, wie gerade diese Akte.
Nach Goethe sind allerdings meine Überlegungen über die Motive der Gründung auch nicht von Bedeutung. In einer Abhandlung über Biographien heißt es bei ihm: „Wenn sich einer nur mitteilt, so ist es ganz einerlei, aus was für Motiven er es tut. Es ist gar nicht nötig, dass einer untadelhaft sei oder das Vortrefflichste und Tadelloseste tue, sondern nur, dass etwas geschehe, was dem andern nutzen oder ihn freuen kann“. (zitiert nach dem Vorwort von J. Lengert zu Friedmann Friedrich Georg, Zeitgemäße Betrachtungen, München 1999).

Die Akte

       

Acta des Stadtmagistrats Ellingen
Betreff die Gründung eines Thierschutz-Vereines
in der Stadtgemeinde Ellingen 1882

Bekanntmachung

Vom Kgl. Bezirksamte Weissenburg wurde der unterfertigte Stadtmagistrat veranlaßt, den Versuch zur Gründung eines Thierschutzvereins in der Stadtgemeinde Ellingen zu machen.
Diejenigen Personen, welche sich für die Gründung eines solchen Vereins interessieren, werden hiermit eingeladen, sich am kommenden Sonntag, den 14ten Mai lfd. Jahres nach dem vormittägigen Gottesdienste im hiesigen Rathaussaale zur Besprechung der Sache einzufinden.
Am 8ten Mai 1882
Stadtmagistrat
Hausner

Vermerk
I.  In gestriger Versammlung wurde beschlossen einen Thierschutzverein in der Stadtgemeinde Ellingen zu Gründen.
II. Requis. An die Vorstandschaft des Hauptthierschutzvereins in München heute erlassen.
III. Anzeigebericht an das kgl. Bay. Bezirksamt Weißenburg heute erstattet
Am 15. Juni 1882
Hausner

Circulare
Die Gründung eines Thierschutzvereines in der Stadtgemeinde Ellingen betr.
Nachdem in einer jüngst stattgefundenen Versammlung die Gründung eines Thierschutzvereins in Ellingen beschlossen worden, werden hiermit jene Herren, welche dem Verein beitreten wollen, eingeladen, an der morgen, Montag, den 12. Lfd. Monats Abends 81/2 Uhr im Hausnerschen Gasthause (=Römischer Kaiser) dahier stattfindenden Constituierung des Vereins und Wahl der Vorstandschaft sich zu betheiligen.
Ellingen, am 11. Juni 1882
Tegenhofer Lehrer
Heuhs, Lehrer
Zachmeier Stadtpfarrer
Heinr. Hiedl Apotheker
Morgott
Schneller
Hubert Schack
Reichel Forstverwalter
Hausner Bürgermeister
Lechner Stadtschreiber
Mauler
F. König
Heidecker jr.
Lutz

Liste
Hausner                         Vorstand
Schneller                       Sekretarius

Zachmeier Stadtpfarrer
Schack Rentbeamter
Daus Lukas                    Ausschußmitglieder

 

Bekanntmachung

Der Thierschutzverein Schwabach hat in einer Eingabe an die kgl. Kreisregierung von Mittelfranken das Schlachten von Kleinvieh, als Schweine, Kälber, Schafe etc. ohne vorherige Betäubung durch einen Schlag auf den Kopf als Thierquälerei bezeichnet.
Die kgl. Kreisregierung von Mittelfranken, welche die Ansicht des Thierschutzvereins Schwabach in dieser Beziehung vollkommen theilt, hat deshalb Entschließung dahin erlassen, daß bei der Schlachtung von Kleinvieh dessen vorherige Beteubung durch einen Schlag auf den Kopf herbeigeführt werden müßte und wird hiermit diese Schlachtweise den hiesigen Gemeindeangehörigen eindringlich empfohlen.
Am 13. März 1884
Stadtgemeinderat Ellingen
Hausner

Vorstehendes mit der Glocke öffentlich bekannt gegeben
Am 13. März 1884
Konrad, Polizeidiener

 

 

Weissenburg a.S. am 15 ten August 1889
Königliches Bezirksamt Weissenburg a. S.
An den Stadtmagistrat Ellingen
Betreff

Das Schächten der Tiere
Nachstehend folgt Abschrift einer höchsten Ministerialentschließung bezeichneten Betreffs vom 12. vorigen Monats zur Kenntnisnahme, geeigneten Mitwirkung und Bekanntgabe an die dortige israelitische Cultusverwaltung und deren Schächter.
Die Cultusverwaltung hat für Beachtung der sub Ziff. 1 bis 4 bekannt gegebenen Maßnahmen Seitens der bei Schächtungen beteiligten Personen Sorge zu tragen.
Binnen 6 Wochen ist zu berichten, ob die in Ziff.1 bezeichneten Vorrichtungen vorhanden und in gutem Stand sind beziehungsweise wann dieselben beschafft sein werden, ferner ist  auf Aufstellung nur erprobter Schächter Bedacht zu nehmen.
Die Ortspolizeibehörde hat die Beachtung der beim Schächten  zu befolgenden Grundsätze zu überwachen, die Aufnahme derselben in die hiernach zu ergänzenden oder sachgemäß zu modificirende Schlachthausordnung zu veranlassen und über den Vollzug unter Vorlage der bezüglichen ortspolizeilichen Vorschrift binnen obiger Frist zu berichten.
Der königliche Bezirksamtmann
I.V.
Herold
Kgl. Assessor

Abschrift von Abschrift
München, den 12. Juli 1889
Königlich Bayerisches Staatsministerium des Inneren
Betreff wie vor

Zur Verhütung jeder unnöthigen Qual bei der jüdischen Art der Viehschlachtung, dem Schächten, empfehlen sich folgende Maßnahmen.

1. Das Niederlegen der größeren Thiere soll hauptsächlich durch Winden oder ähnliche Vorrichtungen bewerkstelligt werden. Diese Winden, sowie die dabei gebrauchten Seile etc. sollen haltbar sein und stets geschmeidig gehalten werden, so daß die Durchführung ohne Verzug erfolgen kann.
2.Während des Niederlegens soll der Kopf des Thieres gehörig unterstützt und geführt werden, damit ein Aufschlagen desselben auf dem Fußboden und ein Bruch der Hörner vermieden wird.
3. Bei dem Niederlegen des Thieres soll der Schächter bereits zugegen sein, um unmittelbar darauf die Schächtung vorzunehmen. Letzteres soll sicher und schnell ausgeführt werden.
4. Nicht nur während des Schächtungsaktes, sondern auch für die ganze Dauer der nach dem Halsschnitt eintretenden Muskelkrämpfe soll der Kopf des Thieres festgelegt werden, da andernfalls der bewegliche Kopf des in Muskelkrämpfen liegenden Thieres nicht selten in der heftigsten Weise am Boden aufgeschlagen und namentlich an den Hörnern verletzt wird.
5. Die Schächtung soll nur durch erprobte Schächter ausgeführt werden.

Es ist darauf hinzuwirken, daß diese Grundsätze, welche auch mit den jüdischen Religionsgesetzen im Einklang stehen, beim Schächten der Thiere allenthalben berichtet werden, und, wo immer veranlaßt, auch in den örtlichen Schlachthausordnungen zum Ausdruck kommen.
In Vertretung
Der Kgl: Staatsrat
Gez. Von Neumayr

An die k. Regierungen
Kammer des Inneren
Der Staatssekretär
Gez. Von Sies
Ministerialrath

 

Erklärung
Ellingen am 10. Oktober 1889
Den auf heute vorgeladenen Mitgliedern der israelitischen Cultusverwaltung Ellingen, Herrn Kaufmann Simon Schülein und Herrn Handelsmann Benedikt Reinemund- von hier wurde der Inhalt der vorstehenden bezirksamtlichen Entschließung und jene der höchsten Ministerialentschließung vom 12ten Juli 1889 durch verdeutlichendes Vorlesen eröffnet, und erklären dieselben hierauf übereinstimmend, daß bei den hiesigen Metzgern Gerngroß und Bauernfreund, woselbst die Schächtungen vorgenommen werden seit Jahren schon bezüglich des Schächtens die in der höchsten ministeriellen Entschließung Ein- und Vorrichtungen bestehen und bei der Schächtung stets die von höchster Stelle getroffenen Anordnungen Anwendung finden, sowie daß die Thiere nach erfolgtem Halsschnitt stets sofort gegnickt werden.
Simon Schülein
Benedikt  Reinemund

Simon

 

 

Ellingen am 25. Oktober 1889
An das Königliche Bezirksamt Weissenburg a.S.
Betr. W. vor

In Erledigung des neben bezeichneten Auftrages wird gehorsamst berichtet, daß dem Inhalt der Höchsten Ministerialentschließung vom 12ten Juli laufenden Jahres bezeichneten Betreffs mit dem Inhalt Absatz 2 des neben aligierten  Bezirksamtlichen Auftrages  der hiesigen israelitischen Cultus Verwaltung bekannt gegeben worden, daß die in der Höchsten Ministerialentschließung erwähnten Vor- und Einrichtungen bei den hiesigen Metzgern Gerngroß und Bauernfreund woselbst die Schächtungen vorgenommen werden, bereits seit mehreren Jahren schon bestehen und auch in guten Zustande sich befinden, die gegebenen Direktiven bei Juden Schächtung bisher schon beachtet wurden sowie daß in der Stadtgemeinde Ellingen eine Schlachthausordnung oder eine bezügliche amtspolizeiliche Vorschrift nicht besteht.
Gehorsamst!
Hausner