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Die staatliche Kontrolle der jüdischen Kultusgemeinden ab 1813  Davsternm.jpg
       

Das Judenedikt von 1813 gibt und nimmt auch in diesem Bereich gleichzeitig. Die Religionsfreiheit wird garantiert, die Zahl der jüdischen Gemeinden aber auf das notwendigste beschränkt. In kleinen Gemeinden wie in unserem Nachbardorf Weimersheim ist kein Gemeinschaftsgottesdienst von zwei oder drei Familien mehr erlaubt. Sie würden gem. § 25 als „heimliche Zusammenkünfte unter dem Vorwande des häuslichen Gottesdienstes“, also als Treffen von Aufrührern strafrechtlich verfolgt werden. Die Rechtsprechung durch Rabbinergerichte, die seit 1530 reichsrechtlich abgesichert war, wurde verboten, dazu auch das Anrufen eines solchen Gerichts außerhalb des Königreiches, §25 und §28 des Ediktes.
Letztere Vorschrift sollte auch der Bildung einer jüdischen Bayerischen Staatskirche dienen, eine Hauspolitik, die die Wittelbacher seit 1772 über alle Kirchen hinweg verfolgten. So verboten sie z.B. damals schon der bayerischen Franziskaner-Provinz, Klöster außerhalb des Herzogtums zu betreiben. Die bayerischen Franziskaner mussten deshalb ihr Kloster in Ellingen räumen. Um 1790 kam es zum „Großpriorat der englisch-bayerischen Zunge“ des Malteserordens, das der Kurfürst erst dann an den russischen Zaren abtrat, als dieser 120.000 Mann, die gegen die Franzosen unterwegs waren, Richtung Bayern umlenkte. Es entstand das „Großpriorat der englisch-bayerisch-russischen Zunge“, das dem Zar ermöglichte, als Großmeister des Ordens Anspruch auf Malta zu erheben. Diesen Titel hätten die Wittelbacher auch gerne gehabt.

Der Status der Ellinger Kultusgemeinde war im Königreich Bayern neu zu regeln. Das Bezirksrabbinat des Deutschen Ordens zusammen mit Laupheim war so nicht mehr existent. Laupheim lag außerhalb Bayerns. Eine Unterordnung unter den dortigen Rabbiner damit sogar gesetzlich verboten. Eine Familienzahl von 11 Familien innerhalb der Territorialeinteilung des Reiches, also der „Stadt Ellingen“ oder dem „Fürstlich von Wredeschen Herrschaftsgerichtbezirk“ lag weit weg von der Mindestzahl von 50 Familien, die eine völlige Selbständigkeit der Ellinger Judengemeinde erlaubt hätte. Doch hatte Ellingen durch das Herrschaftsgericht eine eigene Polizeibehörde, was die Berechtigung ergab, die eigene Synagoge weiter zu betreiben und damit einen Vorsänger, Lehrer und Schächter zu beschäftigen. Ellingen sah weiterhin von der Anstellung eines Rabbiners ab, musste sich jedoch einem anderen Rabbinat anschließen, das die „Kirchenbücher“ für Ellingen zu führen hatte. Diese Aufgabe dürfte schon ab etwa 1803 die Landjudenschaft in Ansbach übernommen haben. Eine erste Entscheidung, dass der Gunzenhausener Rabbiner die Betreuung Ellingens wahrzunehmen hatte, war nach Lage der nachfolgenden Akte bereits 1814 durch die Regierung des Rezatkreises getroffen worden. Ellingen gehörte im Gegensatz zu Treuchtlingen und Pappenheim nicht zum Bezirksrabbinat Schwabach, sondern zu Ansbach.

Vor diesem Hintergrund spielt der folgende Vorgang. Die Ellinger Juden hatten traditionell die Dienste des Pappenheimer Rabbiners in Anspruch genommen und ihre Toten in Pappenheim und Treuchtlingen begraben. Der alte Pappenheimer Rabbiner Moses Tabor war 1812, also noch vor dem Judenedikt, gestorben. Als Ersatz wurde von Oettingen aus der Rabbiner Hajum (Heimann) Josef Emden nach Pappenheim für zwei Jahre abgeordnet. Er muss dort nicht allzu gerne gesehen gewesen sein, weil die Oettinger später seine Rückkehr ablehnten. Als er am 4.3.1848 in Pappenheim als letzter Rabbiner starb, war er 94 Jahre, als er nach Pappenheim kam, also schon 58 Jahre alt. Seit 1820 hatte er seine Stelle dann nachweislich der Matrikel jedenfalls fest inne, und versuchte, seinen Wirkungsbereich auf Ellingen zu erweitern, indem er beim Fürstlich von Wredeschen Herrschaftsgericht förmlich beantragte, für alle religiösen Handlungen in Ellingen gemäß dem Edikt als allein zuständig bestimmt zu werden. Die Mehrheit der Ellinger Juden stand auf seiner Seite, nur der Barnos Joseph Friedmann verwies mit Unterstützung aus Gunzenhausen auf die Regierungsentscheidung von 1814. Die Ellinger Juden hatten, wie die Akte zeigt, auch die Rechtsstruktur, die das Königreich über die Judenschaft stülpte, noch nicht verstanden und wollten den Entscheid von 1814 nicht akzeptieren, weil kein Antrag ihrerseits gestellt worden sei, sondern von der Landjudenschaft in Ansbach.

Ellingen blieb beim Bezirksrabbinat Ansbach.

Zwischen den Synagogen in Pappenheim und Ellingen gab es in der Folgezeit 1823 und 1824 Konflikte, u.a. weil der Ellinger Matrikeljude Wolf, der in Eichstätt lebte, seine Gemeindeabgaben nach Pappenheim statt nach Ellingen entrichtete (siehe eigener Beitrag).

Auszug aus dem Judenedikt 1813
§23. Den jüdischen Glaubensgenossen im Königreiche wird vollkommene Gewissensfreiheit gesi­chert. Sie genießen alle, den Privat-Kirchengesellschaften durch das Edikt vom 24. März 1809 im 2. Kapitel des II. Abschnitts (Regierungsblatt 1809 St. XL. S. 904 u.s.w.) eingeräumten Befugnisse, in so ferne sie in der gegenwärtigen Verordnung nicht abgeändert oder näher bestimmt sind.
§ 24. Wo die Juden in einem gewissen, mit der Territorialeintheilung des Reiches übereinstimmenden Bezirke in einer Zahl von wenigstens 50 Familien vorhanden sind, ist ihnen gestattet, eine eigene kirchliche Gemeinde zu bilden, und an einem Orte, wo eine Polizeibehörde besteht, eine Synagoge, einen Rabbiner und eine eigene Begräbnisstätte zu haben.
§ 25. Wo sie keine kirchliche Gemeinde bilden, sind sie lediglich auf die einfache Hausandacht be­schränkt, und alle heimlichen Zusammenkünfte unter dem Vorwande des häuslichen Gottesdienstes sind ihnen nach § 6 des 1. Kapitels I. Abschnitts des Edikts vom 24. März 1809 (Regierungsblatt 1809. St. XL. S. 899) verboten.
Wo eine Synagoge besteht, darf außer dem Rabbiner oder dem bestätigten Substituten, kein Anderer kirchliche Verrichtungen ausüben.
§ 26. Die Ortsrabbiner und Substituten werden von den Mitgliedern der Kirchengemeinde vorge­schlagen, von den General-Kreis-Kommissariaten geprüft, und nach Befund bestätigt oder verworfen. Die Bestätigten können ohne Bewilligung des General-Kommissariats nicht entlassen werden.
§ 27. Der zum Rabbiner oder Substituten vorgeschlagene Jude muß
a.   als königlicher Unterthan in die Matrikel eingetragen,
b.   der teutschen Sprache mächtig, und überhaupt wissenschaftlich gebildet,
c.   ohne Mackel des Wuchers oder eines betrüglichen Banquerotts, und sonst von einem guten und sittlichen Lebenswandel seyn.
§ 28. Bei der Bestätigung hat der Rabbiner einen feierlichen Eid dahin abzulegen, daß er den Gesetzen des Reiches durchgehendst schuldige Folge leisten, Nichts gegen dieselben lehren oder gestatten, wo er etwas dagegen erfahren würde, solches der Obrigkeit treulich anzeigen, und in keine Verbin­dung irgend einer Art mit ausländischen Obern sich einlassen werde.
§ 29. Die in den drei vorhergehenden Artikeln enthaltenen Bestimmungen finden auch auf die dermal bestehenden Rabbiner ihre Anwendung.


Die Akte:

Praesentatum 21. November 1820
Actum Ellingen, den 22ten November 1820

Beim Stadtmagistrat allda

Hat man in Folge eines verehrlichen  Herrschafftsgerichts Erlasses v. 19ten November dieses Jahres und damit zur protocolls Erklärung communicierten Gesuchs des Rabbiner Joseph Emden von Pappenheim vom 13ten November in betreff dessen Beyziehung zu den bey hiesiger Judenschaft vorkommenden religiösen Handlungen, hiesige Juden Familien Väter zur Erklärung aufgefordert, ob sie zu gedachten religiösen Handlungen, den Rabbiner von Pappenheim oder Gunzenhausen gebrauchen wollen.
Dieselben erklären zuvorderst
1.
Die von dem hiesigen Barnossen Joseph Friedmann und Moises Hirsch von Gunzenhausen bey der gegenwärtig von ihnen abverlangten Erklärung in Betreff der Beyziehung eines Rabbiners bey religiösen Feyerlichkeiten dahier vorgelegte Antrag, des Nathan Salomon und L. Israel Marx Minner dedato Ansbach v. 31ten Mai 1814 worüber eine Kgl. Regierung des Rezatkreises de dato Ansbach vom 9.ten April 1814 höchstgnädigst geruhet hätten. Die von gedachten Nathan Salomon und L. Jsrael Marx Minner in Antrag gebrachte Beyziehung des Rabbiners Abraham Buchmann von Gunzenhausen zu religiösen Feyerlichkeiten dahier, sey ihnen ohne Kenntnis, und da dieser fragliche Antrag nicht von hiesiger Judencorporation gemacht worden sei, müßten sie jedoch ausschließend des Josef Friedmann
2.
Erklären, daß, da sie jeweilich bei religiösen Handlungen und nothwendigen Ausschlüßen den Rabbiner von Pappenheim gebraucht hätten, ferner auch ihr Begräbnis daselbst wäre und auch
So lange sie für sich wie früher dahier beständen, keinen eigenen Rabbiner dahier halten würden, sie dem Rabbiner von Pappenheim nur so gewisser gebrauchen, weil derselbe ihnen alles erforderliche unendgeltlich bisher  erwiesen habe, und welches ohne Festsetzung eines Gehaltes stehts fort von demselben auch von demselbenerwartet werden konnte. Übrigens iener  sey derselbe der zunächst wohnenden Rabbiner für sie.
3.
Jedoch müßten sie sich vorbehalten, daß wenn eine fremde Judenhochzeit hier gehalten werde, diesen Fremden freystehen dürfe, sich einen eigenen Rabbiner daher zu gebrauchen welchen dieselben hierzu nehmen wollten.

Joseph Friedmann erklärt dagegen, er beziehe auf die schon im Herrschaftsgericht desfalls  vorliegenden Acten wodurch sichs fände, daß die hiesige Judenschaft zu dem Rabbiner nach Gunzenhausen gehöre, und überlasse diese endliche Bestimmung dem Erkenntnis des Herrschafftsgerichtes, und verwahre sich für allenfalls desfalles nun entsteenden Kosten.

Schließlich bitten sämtliche übrigen Juden Familien, daß ihr vorstehender Antrag nach ihren dazu gegebenen Gründen genehmigt werde, und unterschreiben gegenwärtiges Protocoll.

Joseph Friedmann
Ber Mandelbaum
Löb Joel Flesch
Xxx soll heißen Simon Landauer     testes Schung
Abraham Bauernfreund
Handzeichen der Rosalia Feist     tetes Schung
Handzeichen von Behr  Wolf

Schung