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Das Judenwirtshaus in Röttenbach 1755
das Judenquartier der Kommende Ellingen des Deutschen Ordens
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Ein Einbruch in das Judenwirtshaus
So im Jahr 1755 in den Kriminalakten der Stadt Roth, StadtARh Bd 39, fol 1-15, unter Verwendung von Ralf Rossmeissl, Jüdische Heimat Roth, Roth 1996, S. 41ff..
Dort ist eine Untersuchung zum Judenwürtshaus" in Röttenbach, einem Deutschordensdorf an der Grenze zum markgräflich-Ansbachischen Oberamt Roth, dokumentiert, die anschaulich das Elend der heimatlosen Betteljuden vor Augen führt, aber auch die Belastungen der kleinen Landgemeinden wie Roth, die neben ihren bis zu acht Sondersteuern für den Markgrafen, den religiösen Kultussteuern, außerdem noch mit
der Versorgung der durchziehenden Bettelhorden belastet waren.
Organisiert wurde deren Verpflegung mit Hilfe sogenannter Billetten, Anteilsscheinen, die jeder Haushaltsvorstand nach Ma
ßgabe seines Steuerauf­kommens zu Jahresanfang erwerben musste. Dieses System hatte eine alte Tradition eigentlich im religiösen Bereich, da es fromme Hausväter seit alters her für eine gute Tat hielten, durchziehende Talmudstudenten für einige Zeit zu verköstigen und mit ihnen in den heiligen Büchern zu lernen. Die religiöse motivierte gute Tat wurde jedoch durch die restriktive Judengesetzgebung in den deutschen Ländern pervertiert.
Von einem gemeindlichen Beauftragten, ge­meinhin dem Vors
änger der Synagoge, der oft eben diesem Bettelstand entronnen war (als Brödling der Gemeinde durfte er zusätzlich aufgenommen werden, jedoch keinem Broterwerb nachgehen und lebte somit am Existenzminimum), wurden die Billetten dann an die durchziehenden Bedürftigen als Übernachtungsnachweis ausgehändigt.
Um das Jahr 1850, also noch hundert Jahre sp
äter, als die bayerischen Juden offiziell mit allen bürgerlichen Freiheiten gesegnet waren, ist uns eine Liste der jüdischen Billettenzahler von Roth erhalten. In dieser Zeit war die große Fluktuation bereits nicht mehr auf die markgräflichen Erlasse, sondern auf Flüchtlinge vor Pogromen in Rußland zurückzuführen. Der Ellinger Jude Josef Wolf wird sich um 1824 gegen die Bezahlung solcher "Platten" wehren.

Zur
ück nun zur Visitation von 1755. Die Ellinger Deutschordenskomturei bittet den „ hochgeehrten Nachbarn" um Amtshilfe wegen eines Einbruchs im sog. „ Judenwirtshaus" in Röttenbach.
Nachdeme von einer Bande etlich und zwanzig mehrersten Theils wohl­gekleidete Spitzbuben in heut verfloßener Nacht in dem Würths Haus zu Röthenbach eingebrochen, die sambtl. Würthsleuth hart gebunden und verwundet, sodann alles Geld und Silber geraubt worden.." Bei den Ermittlungen des Oberamts Roth werden eine Woche nach Purim 1755 alle in besagtem Gasthaus logierenden Juden festgenommen, nach Roth aufs Rathaus gebracht, durchsucht und verhört. Danach werden sie im Judenturm eingesperrt und nach einigen Tagen wieder frei gelassen, nachdem anscheinend auch das Judenwirthshaus vor dem Zöllnertor in Schwabach durchsucht worden war. Dort wurden 12 Juden nebst teils hochschwangeren Frauen, Kindern und Großeltern visitiert, in der „Judengarküchen“ und dem „Judenlazarett in Fürth 75 Personen. („nichts verdächtiges gesehen beim Visitieren der Bündel"). Einigen der in Roth befragten Juden gaben als letzte Station das „Judenwirtshaus" in Gebersdorf bei Schwabach an, eine Tagesreise zu Fuß entfernt. Beides sind christliche Gasthäuser in Orten ohne jüdische Gemeinden. Das Röttenbacher Wirtshaus scheint am Schabbat auch für den Gottesdienst der Durchreisenden genutzt worden zu sein. Die visitierten u. arrestierten jüdischen Gäste sind mit vollständigen Personenstandsdaten, Herkunftsort und Reiseziel erfasst.

Durchreisenden Juden war ein Aufenthalt von mehr als einer Nacht in Ellingen selbst verboten. Sie mussten dazu von Glaubensgenossen aufgenommen werden. Eine Übernachtung in Gasthäusern war untersagt. Judenwirtshäuser lagen in einem Etappennetz von knapp 30 km. über die Region verteilt.
Die Akten werfen ein Schlaglicht auf intensiv genutzte Transitkorridore für reisende Juden jedweder sozialen Stellung. Die dokumentierten Strecken sind überregional. Auch die Fernreisen Ellinger jüdischen Kaufleute des 17. und 18. Jahrhundert zur Leipziger Messe erfolgten entlang solcher Korridore. Sie beschreiben auch ein dichtes Herbergsnetz für das reisende Volk jedweder Art. Die Räuber in Bandenstärke von 20 Mann werden als gut gekleidet beschrieben.

Schillers Räuber spielen in dieser Zeit in einem solchen Milieu. Die in unserer Gegend aktiven Banden rekrutieren sich nicht nur aus der christlichen Bevölkerung sondern bestehen auch aus jüdischen Mitgliedern. Prominent ist der in Treuchtlingen (12 km südlich Ellingens, in den letzten 200 Jahren auch Haupt-Begräbnisort der Ellinger Juden) etwa 1702 geborene Moses Hoyum, der „Langen Hoyum“. Er wurde 1736 in Coburg gehängt. Der 1721 in Hamburg geborene Marcus Salomon wurde in Ansbach 1763 hingeríchtet,“mit den Schwert vom Leben zum Tod gerichtet, dessen Cörper aber auf das Rad geflochten und der Kopf darauf gestecket worden ist.“
Beide Banden wurden anfänglich von der Staatsgewalt der mafiös strukturierten Krummfingers-Balthasar-Bande, die reichsweit operierte, zugeordnet, die einen der Prototyp für Schillers  Räuber darstellte. Der Kernort der Schiller-Räuber finden Sie ebenfalls bei uns: In Muhr am See, 20 km westlich von Ellingen.