German English

Gedruckt am 12.11.2019 um 19:35 Uhr
Link zu dieser Seite: http://juden-in-ellingen.de/index.php?pageID=100
_DRUCKEN

Zwei Schutzbriefe und ein Schelmenstück 1801-1803
des Deutschordens-Hofrats Kleiner
 Davsternm.jpg

Der Umfang des „Judenschutzes“ war über den Kernschutz des Lebens und dem Inhalt des Freiheitsbriefes Karls V. hinaus nicht näher definiert, so dass von vorn herein Unterschiede von Herren zu Herren und im Laufe der Entwicklung des Schutzrechts durch die Jahrhunderte bestanden haben oder entstanden sind.
Der Deutsche Orden als reichsunmittelbare Organisation hatte in vielen Teilen seiner Territorien keine Landesherrschaft – war dort also „mediatisiert“, und damit nur Grundherr. In anderen Balleien und Kommenden konnte der ganz oder fast bis zum Ende des alten Reiches 1806 auch die Landesherrschaft behaupten. Eines seiner zentralen Herrschaftsprobleme war also die Behauptung der Landesherrschaft über alle seine Untertanen. Möglichst bei jedem Wechsel eines Hochmeisters ließ er unter strengster Einhaltung der Zeremonien des Reiches alle Untertanen bei einer eigenen Veranstaltung die Untertanen dem Hochmeister huldigen, also den Untertaneneid auf die Person des regierenden Landesherren wiederholen. Gleiches tat zum Beispiel auch der Fürstbischof von Eichstätt.

Schon ab dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wurd die Anwesenheit oder das Fehlen Ellinger Juden bei der Huldigung namentlich protokolliert. In dieser äußeren Form nahmen die Hochmeister in den Jahrhunderten bis 1806 auch die Judenschutz-Erneuerungen alle sechs bis 10 Jahre vor. Die Formalien des Reiches verlangten dabei streng genommen das persönliche Erscheinen aller „Schutzjuden“ des Hochmeisters zur Erneuerungszeremonie in Mergentheim und das der fränkischen Balleijuden bis 1788 in Ellingen. Der nachfolgende Bestand beschreibt am Anfang diese Regel und definiert, unter welchen strengen Voraussetzungen sich die Ellinger Juden durch Delegierte vertreten lassen konnten, damit gesichert war, dass sie sich auch an ihren Schutzeid gebunden fühlen mussten.

Die Schutzbrief- Erneuerung 1801/1802 nach dem Amtsantritt  des Erzherzogs Carl erwies sich vor der politischen Gesamtsituation am Ende des alten Reiches besonders delikat.

Der Versuch der Erneuerung des Judenschutzes wurde von einer politischen Katastrophe überlagert, die die kleinen fränkischen reichsunmittelbaren Territorien im Jahr 1796 ganz oder teilweise getroffen oder überrollt hatte - der „Brandenburgische Usurpation“. Preußen hatte in diesem Jahr unter der durch den Sonderfrieden von Basel mit der Französischen Republik gewonnenen Handlungsfreiheit Dutzende kleinerer Herrschaften in Franken militärisch besetzt, darunter am 6. Januar 1797 schließlich auch die Ordensgebiete Ellingen und Stopfenheim. Verschont blieb dabei der Ort Röttenbach, weil er nicht von preußischem Gebiet umgeben war, so daß die kuriose Situation entstanden war, dass der Deutsche Orden von seinem Verwaltungssitz in Ellingen aus als Landesherr Röttenbach regierte und Ellingen selbst und Stopfenheim nur noch als Grundherr verwalten durfte.

Der Deutsche Orden mit einem Bruder des Kaisers als Hochmeister an der Spitze hatte diese durch Gewalt geschaffenen Fakten reichsrechtlich noch nicht anerkannt, als durch den Tod des Hochmeisters Maximilian Franz im Jahr 1801 der Erzherzog Carl, ein angesehener kaiserlicher General, das Amt des Hochmeister antrat und eine Erneuerung des Judenschutzes anstand.

Seitens der Brandenburgischen Verwaltung war mit einer Bestrafung der Ellinger Juden oder ihrer Delegierten zu rechnen, falls sie dem Hochmeister des Deutschen Ordens erneut als Landesherr huldigen oder zur Erneuerungszeremonie nach Mergentheim reisen sollten. Dies alles wurde im Schriftwechsel auch diskutiert und man entschloss sich zu einer heimlichen, diplomatischen Lösung, die zunächst auch Erfolg zu haben schien.

Man verzichtete auf eine Delegation Ellinger Juden, belastete ausschließlich die Judengemeinde in Mergentheim mit den Kosten der Veranstaltung und forderte die Ellinger Juden auf, sich kollektiv als Gemeinde anteilig mit 44 Gulden im Umlageverfahren an den Kosten der Mergentheimer Juden zu beteiligen. Ihre eigene individuelle Schutzurkunde mussten sie am Bürotag der Verwaltung in Ellingen gegen Zahlung einer Briefgebühr von 3 Gulden und dreißig Kreuzern sowie einer Schreibgebühr von weiteren 2 Gulden abholen.

Die heimliche Aktion hatte sich jedoch zur brandenburgischen Kreisverwaltung in Weißenburg herumgesprochen, die ebenso heimlich durch den Vorsänger der jüdischen Gemeinde die Schutzbriefe des Ordens einsammeln ließ und neue erstellte, die ebenfalls über den Vorsänger wieder an die Ellinger Juden verteilt worden sind-natürlich ebenfalls kostenpflichtig.

Der Bestand enthält die Abschrift eines solchen brandenburgischen Schutzbriefes, der sich von dem des Deutschen Ordens inhaltlich erheblich unterscheidet. Er legt dem jüdischen Empfänger in den Mund, dass er nur die Bestätigung des bisher schon genossenen gutsherrlichen Schutzes – also nicht eines landesherrlichen Schutzes erbittet, und bezeichnet den Empfänger als „Mediat-Juden“.

Balleirat Kleiner gelang es, den Schutzbrief des Herrn Bamberger abschreiben zu dürfen und übermittelte diese Beute als nachrichtendienstlichen Erfolg an die Ordensregierung in Mergentheim.

Der Hofrat Kleiner, Chef der Obergerichtsverwalterei, also höchster Verwaltungsbeamter des Ordens erhielt aus Ansbach einen herben Rüffel und die Aufforderung, postwendend an die Ellinger Juden die bezahlten Gelder zurückzuerstatten. Dem Hofrat gelang es- auf welche Weise auch immer- die Ellinger Juden dazu zu bewegen, die Rückerstattung zu quittierten  (die Quittung legte er in Ansbach vor) und gleichzeitig von den Ellinger Juden eine Bestätigung zu erhalten, dass sie dem Orden die gleichen Beträge für die Judenkasse in Mergentheim freiwillig schenkten. Im Schriftverkehr fällt auf, dass sich Kleiner rechtfertigte, es seien nur 44 Gulden eingefordert worden statt dem im Anschreiben an die Judenschaft genannten 50 Gulden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die Ellinger Juden waren in mehrfacher Hinsicht die leidtragenden der Aktion. Sie erhielten von Ansbach nur einen Schutzbrief als „Mediatjuden“ im Gegensatz zu den „Immediatjuden“, also Juden, die dem König von Preußen als Landesherrn und Grundherren vollständig unterstanden. Grundherr und damit auch Herr der Pratonatsgerichtsbarkeit der Ellinger Juden blieb damit der Deutsche Orden. An Ansbach waren neben einem jährlichen Schutzgeld auch die Landes- und Reichsabgabe zu bezahlen. Zusätzlich blieb der Handel der Ellinger Juden aber auch nach Ansbach als dem Immediat-Bereich des Königreichs Preußen trotzdem mit zusätzlichen Zöllen belastet.

Als im Jahr 1805 Erzherzog Carl aus dynastischen Gründen das Hochmeisteramt niederlegte, überlegte man sich in Mergentheim erneut, wie man den Ellinger Juden einen Ordens-Schutzbrief im wahrsten Sinne des Wortes „andrehen“ könnte. Hofrat Kleiner hatte bereits einen Nachfolger, der auf die Idee kam, die Ellinger Juden mit finanziellen Nachteilen zu nötigen, z.B. ihnen damit zu drohen, dass „keine so lang dauernde Handlohnsfreiheit von den zum weiteren Verkaufe an sich gebrachter Grundstücken etc. belassen werden können“. Die Drohung bestand also in einer zusätzlichen Grundsteuerbelastung bei kurzfristigem Immobilienbesitz.

Auch die Herrschaft Preußens in Ellingen ging 1806 zu Gunsten des Königreichs Bayern unter.

An dieser Stelle schließt dann die Akte.

       

Die Beute des Balleirats Kleiner:
Schutzbrief Für den Juden Aaron Bamberger in Ellingen

Nachdem bei seiner Koeniglichen Majestät von Preußen unserm allergnädigsten Herrn der deutschordische mediat Jude Aaron Bamberger in Ellingen um die Bestättigung des bishero schon genossenen gutsherrlichen Schutzes um förmliche Aufnahme in den landesherrlichen Schtz gebeten hat, so haben Seine Koenigliche Majestät dem Gesuch zu willfahren und durch Allerhöchstdero Kammer gegenwärtigen Schutzbrief darüber ausfertigen zu lassen geruhet. So wie nun der erwähnte Aaron Bamberger Kraft dies die Erlaubnis erhält in Ellingen fernerhin verbleiben, und alle einem disseitigen Schutzjuden erlaubte Geschäfte treiben zu dörfen: so hat derselbe sich nicht nur den vorliegenden oder noch noch ergehenden Landesgesetzen und polizeilichen Anordnungen zu fügen und ihnen gemaes zu betragen, sondern auch das jährliche Schutzgeld, welches ihn seiner Zeit noch bekannt gemacht werden wird, an die königlichen Kassen vom Tage dieser Schutz- Erteilung an, nachzuzalen, und in den gewöhnlichen Terminen abzuführen.

Nicht weniger hat derselbe auch wie andere koenigliche Untertanen die Landes-Kreiß und koeniglich Preußische Kriegs und andere Steuern, Kriegsfolge, Umgeld und bei Hin- und Herreisen in den koeniglichen Landen von seiner Haabe und Gütern den gewöhnlichen Zoll Accis oder andern Aufschlag, so wie kümftig die Land- und ortsjudenschaftlichen Korporations Abgaben redlich und pünktlich zu bezahlen.

Ansbach, den 30. Merz 1803
L. S.

Koeniglich Preußische Kriegs- und Domainenkammer
Culeman   Lehner   Münster

 

Anmerkung: Schutzbriefe von dem Inhalt des vorstehenden sind den sämtlichen Schutzjuden zu Ellingen durch den Vorsinger Abraham Moisels, welchen das koenigliche Kreis Direktorium zu Weißenburg diese Schutzbriefe zur Austeilung zugestellt hat, ausgeteilt worden, welches zur Nachschrift bemerkt wird.

Ellingen, den 4. Mai 1803
Kleiner