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Die Zeit der Matrikeljuden  Davsternm.jpg

Bayern erhielt im Reichsdeputationshauptschluß von 1803 weite Teile Frankens und Bayerns zugesprochen. Die Reichsunmittelbarkeit der Ellinger Herren war endgültig vorbei. Die Wittelsbacher waren 1808 von Napoleons Gnaden Könige von Bayern geworden. Unter dem Ersten Minister Graf Montgelas, einem ehemaligen Illuminaten, wurde Bayern sehr schnell zum modernen Staat. Bereits die Verfassung von 1808 hatte als erste in Deutschland die Leibeigenschaft aufgehoben, Freiheits- und Gleichheitsrechte definiert und die Monarchie an die Verfasssung gebunden. 1813 schaffte das neue Strafgesetzbuch Anselm von Feuerbachs die Folter ab.

Aus dem selben Jahr stammt das Edikt vom 10. Juni 1813 über die Verhältnisse des jüdischen Glaubensgenossen im Königreiche Bayern”.
Dieses Edikt, im Besonderen die § 11-13 über die “Matrikel”, des war eine sehr ambivalente Angelegenheit.
Für eine relativ beschränkte Anzahl von nordbayerischen Juden, die durch Schutzbriefe ihrer früheren Landesherrn bereits privilegiert waren, brachten sie einen Gewinn an Freizügigkeit innerhalb des Königreiches Bayern.
Für neu aufzunehmende und junge Juden dagegen brachte die Matrikel eine sehr starke Einschränkung. Die generelle, bayerweite Regelung konnte nicht mehr durch soziale Anwandelungen oder die Geldgier regionaler Herren aufgeweicht werden. Die Durchführungsbestimmungen des Rezatkreises zur Ansässigmachung über die Matrikelzahl hinaus vom 8. Mai 1827 (auf dieser Site) zeigen beispielhaft, in welchem Geist sie eng gefasst worden sind.
Ganz offiziell bestimmte § 12 des Edikts, dass die Zahl der Juden-Familien in der Regel nicht vermehrt, sondern vermindert werden sollte. Da eine Immatrikulierung die Voraussetzung für Broterwerb und Heirat war, war das Konzept des Gesetzgebers auf ein langsames Aussterben der ansässigen Juden ausgerichtet.
Im Jahr 1851 wird aus Ellingen die Abwanderung einer ganzen Familie nach Ungarn und - wohl ab 1821 erfasst- die Auswanderung von insgesamt 6 ledigen Personen nach Nordamerika zur Statistik des Königreiches gemeldet.
Man sollte sich ausdrücklich bewußt machen, dass zum damaligen Zeitpunkt noch nicht die „Rassezugehörigkeit“ sondern die Religionszugehörigkeit Grundlage der Diskriminierung war. Mit einer christlichen Taufe war jeder Jude sofort des Matrikelzwanges ledig.
Am leichtesten war eine freie Matrikelstelle in größeren Gemeinden zu erhalten.

Die kleineren Gemeinden ließ man bewusst ausbluten. Die Religionsbestimmungen des § 25 des Edikts verboten ausdrücklich bereits das gemeinsame Beten von 2 oder drei Judenfamilien als „heimliche Zusammenkünfte unter dem Vorwande der Religionsausübung. In den Städten waren auch die besseren Geschäfte zu machen. So ergatterte z. B. der Jude Joseph Wolf aufgrund seines alten landesherrlichen Schutzbriefes eine Matrikelstelle in Ellingen, aber lebte fortan in Eichstätt. Seine Söhne bemühten sich dann dort um eine eigene Stelle. Der Zug der zweit- und drittgeborenen Söhne in die Städte begann damit.
Dort lagen auch die besseren Chancen eine geschäftliche Existenz zu gründen. So ergatterte z. B. der Jude Joseph Wolf aufgrund seines alten landesherrlichen Schutzbriefes eine Matrikelstelle in Ellingen, aber lebte fortan in Eichstätt. Seine Söhne bemühten sich dann dort um eine eigene Stelle. Der Zug der zweit- und drittgeborenen Söhne in die Städte begann damit.
Die Folge war das finanzielle Ausbluten der kleinen Judengemeinden wie Ellingen. Ellingen hatte gerade einmal 12 Matrikelstellen. Eine davon hatte Joseph Wolf inne, der in Eichstätt wohnte, eine die Witwe Rosalia Veist. Der Synagogenvorsteher Joseph Friedmann zog auch recht bald zu seinen Söhnen nach München – und so mussten die Rente für eine Vorsängerswitwe und das Gehalt des aktiven Vorsängers sehr bald durch nur noch 10 weniger begüterte Matrikeljuden aufgebracht werden, was den Hang betuchterer und gebildeterer Juden, von Ellingen wegzuziehen, noch verstärkte. Sah man in der Mitte des 18. Jahrhunderts noch Bankiers wie Elias Landauer oder die Familie Amson in Ellingen wohnen, die ihr Vermögen in Familienstiftungen über Generationen hinweg vererbten, sieht man in Ellingen am Ende des 19. Jahrhunderts geraden noch Viehhändler und Inhaber von Bekleidungshäusern als Leuchten ihrer Gemeinde.
Mit der Verarmung der Ellinger Juden ging auch eine Verarmung der gesamten Bevölkerung einher. Die verschiedenen industriellen und landwirtschaftlichen Pilotprojekte, die der damals in Ellingen regierende bayerischen Feldmarschall Fürst von Wrede als Lehensherr begann, konnten diesen Prozess weder umkehren, noch aufhalten.
Der Beitrag über Joel Flesch zeit den vergeblichen Versuch, als unmatrikulierter Sohn eines Matrikeljudens, über einen Hauserwerb zu einer eigenen Matrikelstelle und damit zur Heiratserlaubnis zu kommen. Die dazugehörige Rechtsauffassung der Regierung des Rezatkreises (etwa Mittelfranken) ist in der scharfen Verfügung von 1827 deutlich ausformuliert.
Der Beitrag über die rückständigen Gemeindeumlagen des Joseph Wolf zeigt die negativen Folgen der neuen Freizügigkeit auf die Finanzen der jüdischen Gemeinde in Ellingen.
Der Beitrag über Joseph Friedmann berichtet über eine erfolgreiche Absetzbewegung aus Ellingen nach München. Aus den zum Teil rechtswidrigen finanziellen Belastungen, die ihm und den Seinen bei dieser Gelegenheit auferlegt worden sind, konnte er sich nur durch mehrjährige Rechtsstreitigkeiten befreien. Auch die jüdische Gemeinde selbst zeigte sich aus Rücksicht auf ihre eigenen finanziellen Sorgen dabei nich sonderlich solidarisch.
Der Beitrag über Isaak Neuburger zeigt noch 1858, drei Jahre vor Abschaffung der Matrikel, die falsche Anwendung der Bestimmung durch den Magistrat der Stadt Ellingen zur Verhinderung einer Ansiedelung, die Isaak Neuburger aber dann doch unter großen Schwierigkeiten mit gerichtlicher Hilfe gelang. Er erzwang dann nacheinander das Aufenthaltsrecht, das Recht ein Gewerbe auszuüben und dann das Recht, sich über die Matriklezahl hinaus ansässig machen zu dürfen- ständig unter den Augen eines mißliebigen Stadtmagistrats, der jede falsche Bewegung Neuburgers mit Strafanzeigen begleitete.

Wenn dann 1858 eine Witwe, Jeanette Model, ihre “Heimat”, wie die Matrikelstelle auch von der jüdischen Bevölkerung aufgab, um bei ihrem Sohn in Fürth zu leben, war das geradezu ein freudiges Ereignis in der jüdischen Gemeinde, weil dann wieder ein Jüngerer Existenz und Familie gründen konnte. Der Spuk, der mit der Matrikelzahl verbunden war, beendete der Gesetzgeber am 10. November 1861.
Eine unbeschränkte Gleichstellung aller Juden in Deutschland brachte erst die Verfassung des neuen Reiches.